Dienstag, 18. November 2014

Auf der medialen Isolierstation

"Putin ist isoliert"
Kai Gniffke, Chefredakteur der Tagesschau [1]

"Russlands Präsident Wladimir Putin war dagegen sichtbar isoliert."
Deutschlandradio Kultur [2]

"Der Kreml-Zar ist isoliert."
Bela Anda, Bild [3]

"Russlands Präsident Putin bleibt auf G20-Gipfel isoliert"
NDR 2 [4]

"Putin blieb auf dem G20-Gipfel in Australien isoliert."
WAZ [5]
Ok, ich hab' die Botschaft verstanden. Dachte ich. Bis ich auf diese miese russische Propaganda reingefallen bin:
Offenbar hatte der isolierte Putin am Rande des G20 in Brisbane doch noch Freunde gefunden!
Putin traf sich mit den Vertretern der übrigen BRICS-Staaten, u.a. um über die Organisation der von ihnen gegenwärtig zu gründenden Entwicklungsbank zu sprechen [6, 7]. Das muß in den deutschen Medien irgendwie untergegangen sein (Wie schon mal gesagt, Kiwi-Streicheln und so…).

Und im übrigen repräsentieren die abgebildeten Staats- und Regierungschefs immerhin 3 Milliarden Menschen - gut dreimal so viele wie "Der Westen". Komisch, daß die übersehen werden können…?
In russischenindischen oder brasilianischen Medien gab es dieses Bild übrigens zu sehen, in den deutschen nicht. Doch! (siehe 1. Kommentar)

Montag, 17. November 2014

Georgia on my mind…

SpOn läßt uns heute an Angela Merkels Sorgen angesichts "Putins Annexionspolitik" teilhaben:
"Merkel warnt vor russischem Einfluß in Moldawien, Serbien und Georgien"
Besonders schön finde ich dabei den folgenden Satz:
"Vor allem ein Satz ließ das Publikum im Saal aufhorchen: 'Und es geht ja nicht nur um die Ukraine. Es geht um Moldawien, es geht um Georgien, wenn es so weiter geht, (...) muss man bei Serbien fragen, muss man bei den Westbalkanstaaten fragen.'"
Denn weshalb muß das Publikum bei diesem Satz aufhorchen? Merkel hat nur einmal gesagt, was längst Realität ist: Der Kampf um Einfluß auf die russischen Nachbarstaaten. Über Moldawien hatte ich schon einmal an anderer Stelle geschrieben, daher nur noch ein paar Anmerkungen zu Georgien.
Besonders schön hat es der Think Tank Center for Strategic and International Studies bereits 2012 formuliert [1]:
"Hence, safeguarding Georgia as an independent and successful democracy is in the interests of the United States as it tries to projects its’ power and values towards Russia’s periphery. Moreover, U.S. needs democratic and economically prosperous Georgia as a narrative of success to serve its long term interests in the region. The more stable and successful Georgia becomes, the more it will encourage bordering countries to expose themselves to Western influence. Consequently, Georgia as a “Beacon of success” subtly embedded in U.S. strategic framework can serve its interests best if it becomes a consolidated democracy and a promoter of American power."
Georgien muß unter den Einfluß US-amerikanischer Macht und Werte gebracht werden, verbunden mit der Hoffnung, daß sich in der Folge weitere Staaten an der russischen Peripherie dem Einfluß der USA öffnen. Und es ist nicht davon auszugehen, daß es sich bei dieser Absicht um die reine Phantasie einer regierungsunabhängigen Einrichtung handelt. Denn am 14. Juli feierten konservative US-Politiker gemeinsam mit den Vertretern der Ukraine, Moldawien und Georgien in Washington die Unterzeichnung der Assoziierungsabkommen dieser Länder mit der Europäischen Union. Mit dabei war auch der CDU-Politiker und MbB Andreas Schockenhoff [2], als der US-Senator Ted Cruz die "Bedeutung der Zusammenarbeit" dieser Länder mit den USA betonte. Schockenhoff gehört heute auch zu den Scharfmachern gegen Russland. Auch die Atlantic Treaty Association (ATA), eine Organisation zur politischen Vorbereitung von NATO-Erweiterungen (Eigentlich hätte ich ja hier für mehr Informationen auf die Wikipedia verlinken wollen, aber aus irgendwelchen Gründen ist der Wikipedia-Artikel zu dieser Organisation nahezu identisch mit deren Selbstdarstellung auf ihrer Website), versucht, Einfluß auf Georgien zu nehmen um es in die NATO zu steuern. Dazu arbeitet die ATA mit dem lokalen Partner Atlantic Council of Georgia zusammen ("Atlantic" in Georgien! :). Der gegenwärtige Präsident der ATA ist übrigens der CDU-Politker Karl Lamers. Und der Atlantic Council of Georgia kooperiert mit der Konrad-Adenauer-Stiftung und veranstaltet das Deutsch-Georgische Strategieforum [3], das u.a. dem NATO-Beitritt Georgiens förderlich sein soll.
Insofern ist es weder neu noch überraschend, wenn Frau Merkel erklärt, es ginge nicht nur um die Ukraine, sondern auch um Moldawien und Georgien. Schon seit etlichen Jahren arbeiten die USA ganz unverhohlen auf das Vordringen amerikanischer Macht an die Grenzen Russlands hin. Und gerade die CDU kämpft mit ihrer personellen Verflechtung in NATO-Lobbyorganisationen und mit der Konrad-Adenauer-Stiftung dabei in der ersten Reihe mit.
Es bleibt nur zu hoffen, daß Frau Merkel irgendwann mit dem Kiwi-Streicheln aufhört, damit in den Politik-Teilen der Medien wieder ein bisschen Platz wird für eine Politik-Berichterstattung. Denn vielleicht wäre es für den Souverän ja interessant, was seine gewählten Vertreter so alles unternehmen, und vor allem, warum…?

Samstag, 15. November 2014

It's gettin' hot in here…

Der Putin hat es ja auch nicht immer leicht. Ständig ist westlich des Dnepr irgendwo einer sauer:
Handelsblatt, 7.8.2013
Merkur Online, 21.7.2014
Berliner Zeitung, 31.8.2014
Tagesspiegel, 21.3.2014
Und heute dann auch noch das!
SpOn, 15.11.2014

Da fragen sich besorgte Leser jetzt sicher, wird es jetzt langsam ernst? Ist es an der Zeit, Konserven zu bunkern? Müssen wir gar mit einem präventiven Atomkrieg gegen Russland rechnen? Damit dieser Putin endlich versteht, daß wir seine menschenverachtende Aggression nicht länger hinnehmen?

Wie immer zeigt sich, die Wahrheit ist noch viel, viel schlimmer! Der DWüdW-Sektion VI (Auslandsaufklärung - Kategorie Mittelguter Freund) ist es gelungen, einen Agenten als Kiwi getarnt auf Kanzlerin Angela Merkel beim G20-Gipfel in Brisbane anzusetzen. Hier zum Beweis und zur Dokumentation der Opferbereitschaft des namenlosen Agenten (nennen wir ihn Agent "K") ein Bild aus dem Einsatz (Unkenntlichmachung von DWüdW):


Und DWüdW zögert natürlich nicht, die brisanten Abhörprotokolle des Agenten "K" an dieser Stelle zu veröffentlichen - auf daß die Welt wisse, wozu der Westen entschlossen ist!


Freitag, 14. November 2014

DWüdW WISSEN ¡! (2)

Es ist mal wieder an der Zeit für eine neue Ausgabe von DWüdW WISSEN ¡!, dem Infotainment-Format bei DWüdW! Überraschende und faszinierende Wissenshäppchen in der einmaligen Ein-Klick-Klickstrecke - Antipasti für's Hirn: bunt, leicht bekömmlich und garantiert nicht belastend. Denn:
"Wissen macht 'Platsch - platsch - platsch - Ah! Einen Lappen, schnell! Scheiße, verdammt!'"

Heute bei DWüdW WISSEN ¡! die spannende Frage:

Woher kommt eigentlich das Domino-Spiel?

1) Benannt wurde das Domino-Spiel nach dem berühmten "Domino-Effekt"!
Entdeckt wurde dieser Effekt, als der Dominikaner Segafredo Domíno den Ausbruch des Ersten Weltkriegs studierte: Österreich greift Serbien an - Russland greift Österreich an - Deutschland greift Russland an - Frankreich greift Deutschland an - Deutschland greift Belgien an - England greift Deutschland an. DWüdW findet: Krass!

2) Das Domino-Spiel verdanken wir der Atomforschung!
Nach der Entdeckung der Uranspaltung wollte Otto Hahn eine Untersuchung möglicher Kettenreaktionen durchführen und beantragte Elitenförderung im Rahmen der 3. Reichsdeutschen Exzellenzinitiative von 1939. Der Forschungsantrag wurde allerdings abgelehnt, offiziell aufgrund mangelnder gesellschaftlicher Relevanz ("Wozu soll das denn gut sein? Anstatt Atome zu spalten, sollten die Wissenschaftler sich lieber mit Dingen beschäftigen, die auch Bedeutung für das Leben der Menschen haben! Schnellere Dampflokomotiven, zum Beispiel!"). Der wahre Grund für die Ablehnung dürfte jedoch ein ganz anderer gewesen sein: In seinem Antragstext verwendete Hahn zweimal das Wort "problems" anstatt "challenges" - ein klares Indiz für mangelnde wissenschaftliche Professionalität! Im Antragstext findet sich jedoch eine bahnbrechende Idee: "Man muß sich die atomare Kettenreaktion so vorstellen, als würde man kleine, flache Holzstückchen hintereinander auf die schmale Seite stellen und eines umstoßen. Dann folgen immer weitere, bis alle gekippt sind." Das Domino-Spiel war geboren!

3) Ein Italiener prägte das Spiel!
Bei seinen abendlichen Domino-Partien mit Freunden vor dem Haus bemerkte der Genueser Umberto Bellucci, daß er schon ab dem dritten Grappa Probleme damit hatte, die Dominosteine sicher aufzubauen - und nicht schon vorzeitig versehentlich alle wieder umzureißen. Für dieses Problem fand er eine ebenso einfache wie geniale Lösung: Anstatt die Steine unsicher auf die schmale Seite zu stellen, legte er sie stabil und sicher auf die flache Seite! Um dem Aufbauen trotzdem einen Anschein von Sinn zu geben, malte er Punkte in verschiedener Zahl auf die Steine. Das Domino-Spiel bekam seine noch heute bekannte Gestalt!

4) James Bond machte Domino in Deutschland bekannt!
Um die James-Bond-typische Exotik zu erzielen, benannte Terrence Young das Bond-Girl im Film "Feuerball" (1965) Domino! Was die Wenigsten wissen: Nachdem er die Welt gerettet, Domino aus den Fängen des fiesen Largo befreit und sie im Mondschein auf einem Karibikstrand gehörig gepimpert hatte, ließ Bond die schwangere Domino eiskalt sitzen! Gezwungen, sich und ihr Balg ganz alleine durchzubringen, wandte sich Domino dem Einzigen zu, daß sie von Mamma gelernt hatte: Pizzabacken! Unter der Namen "Domino's Pizza" gelang es ihr, ein weltweit erfolgreiches Pizza-Liefer-Imperium aufzubauen. DWüdW findet: Eine klassische Erfolgsgeschichte!

5) Stefan Raab scheiterte beim Domino!
Bei einem Brainstorming in Stefan Raabs Produktionsfirma "Brainpool" schlug 1997 der bis dahin und seitdem unbekannte Mitarbeiter Maik Schibulski vor, in einer Halle eine riesige Domino-Umwerf-Aktion zu starten. Stefan Raabs Kommentar: Bauklötze umwerfen als Idee für eine Samstag-Abend-Show? Blöder geht's ja nicht! Wobei... doch! Wenn wir deutsche Eurovision-Song-Contest-Teilnehmer als Dominosteine verkleidet in einen Wok stellen und vom Zehn-Meter-Brett werfen, wobei sie Basketbälle in Crash-Cars werfen müssen? Das wär's doch! Leider scheiterte Stefan Raabs Show-Konzept an Sicherheitsbedenken der Berufsgenossenschaft. Enttäuscht und unverstanden wendete Maik Schibulski sich von Raab ab, verkaufte seine Idee an Raab's Hasssender RTL - und mit dem Domino-Day kam das Dominospiel in seiner Urform zurück in deutsche Wohnzimmer!

Hinweis: Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit unseren Werbepartnern Segafredo Café, Bellucci Grappa, Domino Pizza Inc. und RTL Deutschland.

Samstag, 8. November 2014

Donezk unter Kontrolle russischer Truppen!

Die russische Invasion der Ukraine geht wieder weiter, das behauptet zumindest die Regierung in Kiew (und die würde uns ja nie anlügen). Und von Bild bis Tagesschau berichteten auch alle davon. Bei SpOn hatte man für den Beitrag sogar ein passendes Archivbild ausgekramt, dieses hier:
Und das macht doch schon neugierig! Was für "Archivbilder" haben die denn von russischen Panzern bei Donezk? Wenn man ein bisschen - nur ein bisschen - nach dem Bild googelt, dann findet man es u.a. auch bei Bild.de. Am 22. August war es dort schon der Beleg für "russische Soldaten und schwere Artillerie 10 km von der Rebellenhochburg Donezk entfernt":
Und das Problem mit dem Bild ist - es klingt so blöd, als könne es gar nicht wahr sein, aber es ist wahr - das Problem ist: Es gibt zwei Donezk. Es gibt die von Separatisten kontrollierte ukrainische Millionenstadt Donezk. Und es gibt die kleine russische Grenzstadt Donezk. In Russland. Wer's nicht glaubt, der guckt bei Google Maps:
Und das Bild der russischer Panzer in der Nähe von Donezk stammt nicht aus der Nähe des ukrainischen Donezk, sondern aus der Nähe des russischen Donezk. Andere Medien behaupten das zumindest, z.B. hier:
Oder hier:
Und der Hinweis auf das russische Donezk ist durchaus glaubwürdig. Denn googelt man mehr als nur ein bisschen, dann findet man dieselbe Pinkelpause russischer Soldaten von einem anderen Fotografen auf eine Speicherkarte gebannt, z.B. bei Polskie Radio, und mit einer genaueren Ortsangabe:
Die Szene soll sich 30 km vor der ukrainischen Grenze, beim russischen Ort Kamensk-Shakhtinsky, dem nächsten größeren Ort hinter dem russischen Donezk, zugetragen haben.

Also russische Soldaten auf russischen Panzern in Russland. Nicht in der Ukraine. Jaja, ich weiß schon. Das ist jetzt wieder einer dieser kleinen, bedauerlichen Fehler, die sich nun mal immer wieder bei der Arbeit auch der besten Redaktionen einschleichen. Keine Propaganda. Schon klar. Nur ein weiterer dummer Fehler in einer endlosen Kette von bedauerlichen Einzelfällen. Aber man hätte ja eigentlich schon langsam mal aus der Kritik lernen können, wenn man denn wollte? Und vielleicht mal etwas kritischer herangehen an vermeintliche "Beweise" für die unsichtbarste Invasion der Kriegsgeschichte? Aber wenn schon nicht aus Kritik lernen, dann doch vielleicht von Focus Online? Dort weiß man nämlich, daß es mit journalistischem Anspruch und Ethik unvereinbar ist, Bilder russischer Soldaten in Russland einfach mal in die Ukraine zu verlegen. Und um dem journalistischen Anspruch gerecht zu werden, schreibt man einfach mal "Symbolbild" dran. Im Dienst der Propaganda - aber richtig!

Sonntag, 2. November 2014

Gottesbezug vs. Realitätsbezug

Der Pfaffe so:
"Der Kieler Landtag hat sich jüngst für eine Landesverfassung ohne einen solchen Gottesbezug entschieden. Es brauche keinen Verweis auf etwas Höheres, hieß es. […] Ich finde das bedenklich. […] Und hat nicht die Geschichte gezeigt, dass das im Letzten fürchterliche Konsequenzen haben kann: Hitler […]."
Pfarrer Gereon Alter im Wort zum Sonntag vom 1. November

Der Hitler so:
"Allmächtiger Gott, segne dereinst unsere Waffen; sei so gerecht, wie du es immer warst; urteile jetzt, ob wir die Freiheit nun verdienen; Herr, segne unseren Kampf!"
Führer Adolf Hitler in Mein Kampf, Teil 2, Kapitel 13

Samstag, 1. November 2014

Rakete, Rakete!

Ja, ich weiß, es ist nix Neues. Aber das gilt ja für alle Beteiligten, insofern möge man es als leider nun einmal notwendige Ergänzung verstehen.
Im letzten April erklärten uns die Medien, wie bedrohlich die Tests russischer Interkontinentalraketen (mitten im Ukrainekonflikt!) seien. Ein halbes Jahr später geht es wieder in dieselbe Richtung. Deutschlandfunk, Focus Online, oder ganz dezent auch SpOn -
- sie berichten uns wieder von neuen russischen Raketentests in den letzten Tagen und daß (irgendwelche nicht näher genannten) Experten darin eine "Machtdemonstration" sähen. Daher noch mal ein Update der hier im April schon einmal gezeigten Abbildung zur Veranschaulichung der längerfristigen Entwicklung bei den Interkontinentalraketentests. Alle Teststarts russischer Interkontinentalraketen, amerikanischer Interkontinentalraketen, sowie Tests für den amerikanischen Raketenabwehrschirm seit 2011:

(Ach ja, und wenn Russland mit der Topol-M sein "Erstschlagsarsenal" testet, dann haben die USA mit den Tests ihrer Trident II - Raketen in diesem Jahr ihr Erstschlagsarsenal auch schon fünf mal getestet…)


Nachtrag (3.11.):
Ok, hier dieselbe Abbildung noch mal, mit den Anmerkungen aus den Kommentaren berücksichtigt: Die drei Teildiagramme haben die gleichen y-Achsen. Außerdem ist die Anzahl der Starts nicht pro Tag eingetragen, sondern pro 10-Tage-Intervall, um die x-Achse ein bisschen zu entzerren (Wobei die Wahl der Intervalle auch wieder willkürlich ist). Tut sich nicht so wahnsinnig viel…

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Wag the dog - reloaded


Dieser Text ist natürlich hypothetisch und jede Ähnlichkeit mit realen Orten und Ereignissen sicherlich rein zufällig. Aber warum nicht mal ein bisschen hypothetisieren? Nehmen wir mal an, wir wollten die Öffentlichkeit im Bewusstsein einer Gefahr durch den Islamischen Staat halten - damit es auch überzeugend wirkt, wenn der Innenminister und mit ihm die Hauptstadtpresse erklärt, daß die Bedrohungslage auch wirklich so gegeben ist und so. Dazu bräuchte es ein schönes medienwirksames Spektakel, eine richtige Show.
Für eine solche Show braucht's als ersten natürlich eine geeignete Location, am besten ein richtiges Stadion. Es bräuchte eine Stadt an der Grenze zu einem sicheren Land, sagen wir mal, der Türkei. Idealerweise müsste man die Zuschauer auf einer Tribüne unterbringen können, damit sie auch gut sehen. Es bräuchte eine Stadt wie, sagen wir mal, Kobanê! Die perfekte Wahl! Direkt an der türkischen Grenze und mit Anhöhen auf der türkischen Seite, von denen aus man das Stadtgebiet super überblicken kann!
Einen besseren Ort kann man sich für eine IS-Show doch gar nicht wünschen! Klar, man muß erst mal Zehntausende Einwohner umsiedeln. Aber Zehntausende für ein Spektakel von Weltrang umsiedeln, das war ja auch schon bei der Fußball-WM in Brasilien kein Problem. Und bei den Millionen Flüchtlingen in Syrien fällt eine Kleinstadt mehr ohnehin nicht auf. Und auch klar, man muß noch ein bisschen Security am Spielfeldrand platzieren, damit nicht am Ende noch Spieler und Zuschauer aneinander geraten. Aber das ist ja kein Problem, die Security stellt die Türkei.
Die Zuschauer können beruhigt ihr Supertele aufbauen und das Spielgeschehen bestens verfolgen. Z.B., wer gerade wo seine Flagge aufzieht, das hat ihnen eine Weile großen Spaß gemacht.
Insgesamt ein praktisches Arrangement, von dem ja auch beide Mannschaften profitieren. Die Kämpfer des IS können sich vor der Weltöffentlichkeit als wilde Desperados inszenieren.

Kommt schon ziemlich geil rüber, oder? Also, wenn man auf sowas steht. Aber die Sympathien sollen ja erst mal der eigenen Seite gelten. Und da können die Unseren ja locker mithalten: Schöne Frauen mit Wummen! Das zeigt, wieviel moderner wir sind. Und außerdem sehen alle, selbst unsere Frauen haben mehr Eier in der Hose als diese Bartfuzis!
Was fehlt ist natürlich noch die ein oder andere gefühlige Hintergrund- und Homestory aus unserer Mannschaft, für die emotionale Bindung der Fans und so. Vielleicht ein Lkw-Fahrer aus dem Saarland:
"15 Jahre lang arbeitete der Kurde Shaqqour als Lkw-Fahrer in Saarlouis. Jetzt kämpft er in seiner Heimatregion in Syrien als Sicherheitschef gegen den IS." [1]
Schön, das schafft einen Anknüpfungspunkt. Oder eine Selbstmordattentäterin. Also, eine von unseren, eine gute Selbstmordattentäterin:
"Die Frau mit dem langen schwarzen Haar und dem offenen Lächeln ist das Gesicht des Widerstands von Kobane geworden. Es ist das Gesicht von Arin Mirkan. Sie hat sich am Sonntag vor den Toren der Stadt neben einer Stellung des "Islamischen Staats" in die Luft gesprengt. Nach Angaben der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), die den Kampf gegen den Ansturm der Dschihadisten koordinieren, soll sie angeblich Dutzende IS-Milizionäre getötet haben. […] Nach kurdischen Angaben soll die Attentäterin zwei Kinder zurückgelassen haben." [2]
Perfekt! Aber das reicht alles noch nicht aus. Um die Zuschauer bei der Stange zu halten, braucht's noch ein bisschen Atmosphäre! Maschinengewehrgeknatter in der Ferne ist da zu öde. Maschinengewehre, das sind doch die Vuvuzelas des Schlachtfeldes. Aber jeder weiß, wer so richtig geile Stimmung im Stadion will, der braucht Bengalos! Sicherheitsbedenken hin oder her, wir sind ja nicht beim Frauenfußball! Was die Wahl des Feuerwerks angeht, so müssen wir uns nicht allzu viel Gedanken machen, die Flugzeuge können einfach ein paar Bomben aus dem Lager ins Spielfeld werfen. Für die ästhetische Wirkung sorgen dann schon die Fotografen am Spielfeldrand. Raus kommen dann so Bilder wie dieses:
Und das ist doch nun wirklich hinreißend schön! Diese Farbkontraste von kaltem Blau und warmen Orange! Dieser Kontrast zwischen den strengen Linien der Häuser und dem Chaos des Rauchpilzes! Schöner kann man doch einen Bombenabwurf gar nicht im Bild einfangen! Die einzige Schwierigkeit beim Feuerwerk ist eigentlich, es nicht zu übertreiben. Den Irak militärisch zu zerstören und zu besetzen hat sechs Wochen gedauert. Für einen Pisselstaat wie Grenada hat's damals nicht mal sechs Tage gebraucht. Da muß man schon achtgeben, daß man nicht zu ernsthaft eingreift und die Schlacht um eine einzige Kleinstadt nach nicht mal sechs Stunden schon wieder vorbei ist! Schließlich wollen wir die Story ja über Monate in den Abendnachrichten halten. Gefragt ist Fingerspitzengefühl, um die richtige Balance im Spiel zu wahren!
Was es nun noch braucht, ist einfach ein gutes, ein spannendes, ein abwechslungsreiches Spiel!
"Isamischer Staat in Syrien: Kobane offenbar kurz vor dem Fall" (7.10.
"Kampf um Kobane: Kurden drängen Terrormiliz zurück" (8.10.
"Kampf um Kobane: USA fliegen neue Luftangriffe - Kurden halten die Stadt" (9.10.
"Heftige Gefechte: IS zieht Ring um Kobane immer enger" (12.10.
"Kampf gegen den IS: Kurden melden Erfolge in Kobane"(14.10.
"Kampf um Kobane: Islamischer Staat startet Großoffensive" (23.10.
"Kurden drängen IS-Kämpfer zurück" (25.10.)
U.s.w. u.s.f……. Kann man ja schon gar nicht mehr auflisten, all die Konter und Gegenkonter!
Fouls machen das Spiel noch dramatischer:
"Chemiewaffeneinsatz: IS-Kämpfer sollen Chlorgas verwendet haben" (25.10.)
Und Eigentore auch!
Ein paar Spieler auswechseln kommt beim Fan ebenfalls gut an.
Von unseren Jungs gibt's aber ganz klar die besseren Bilder:

Klasse, was? Coole Typen mit Victory-Zeichen in offenen Wagen! Bejubelt von der Menge auf dem Weg in den Kampf! Das prickelt, das hat Sexappeal! Gut funktionieren tun auch Konvois, das haben wir uns vom Putin abgeguckt:
Allein die Fahrt, eine tägliche Story!
Das ganze Spektakel jetzt noch flankieren mit Hintergrundinfos über die Vereinsmittel des Gegners, seine Flagge, das volle Programm halt!

Hat bislang ja prima geklappt, eine Supershow! Seit anderthalb Monaten trägt die Story vom Kampf um Kobanê schon. Ich bin schon gespannt, wie lange das noch so weiter geht. Und ob es ein Showdown gibt? Oder wird das einfach irgendwie totlaufen? Gewinnen die Guten? Oder werden die Guten vorher selber die Bösen? Finden wir was noch Böseres als den IS? Ich höre lieber auf, bevor die Fantasie vollends mit mir durchgeht! Das kommt ohnehin nur vom vielen Filme gucken. Die falschen Filme, natürlich. Schließlich ist der Gedanke, die Schlacht um Kobanê sei nichts weiter als am Köcheln gehaltenes Futter für die Medien und deren Konsumenten, im Grunde ganz abwegig...

Dienstag, 28. Oktober 2014

Im Wendekreis des Krebses

Es begann wie ein ganz normaler Tag bei Focus Online… Doch dann…

[1]
AHHH!

STOPPT PUTIN JETZT!! EEEEEEELF! 

Ach ne, Moment, das ist vielleicht gar nicht mehr nötig. Denn Focus Online meldet ja ein paar Stunden später:
[2]
"Eine Bestätigung aus Moskau gibt es nicht, aber die Gerüchte häufen sich: Wladimir Putin soll schwer an Krebs erkrankt sein."
Is' wahr?! Die Gerüchte häufen sich?
Vor vier Tagen berichtete jedenfalls die amerikanische Klatsch- und Tratschseite pagesix.com dasselbe:
[3]
"There is an explanation for Vladimir Putin’s hurry to invade Ukraine — it is rumored he has cancer. News outlets from Belarus to Poland have reported for months that the Russian strongman has cancer of the spinal cord."
Endlich wissen wir, deshalb Putin immer noch nicht so richtig aber schon fast in die Ukraine einmarschiert ist: Er hat Rückenmarkkrebs! Das berichten Plapperseiten von Weißrussland bis Polen seit Monaten! (Wobei, Weißrussland und Polen, die liegen doch direkt nebeneinander? Vielleicht eher Weißrussland UND Polen?) Und jetzt auch Focus Online. Wobei - pagesix hat knallharte Insider-Infos:
"But my sources say it’s pancreatic cancer, one of the most lethal forms of the disease."
Bauchspeicheldrüsenkrebs! До свидания, Putin, du Satan! Wobei… Wer weiß. Die polnischen Medien, die von Putins Krebs berichteten, sind z.B. Klatschseiten wie fakt.pl. Da hatte Putin aber keinen Bauchspeicheldrüsenkrebs und keinen Rückenmarkskrebs, sondern einen Hirntumor. Das aber wirklich schon vor Monaten, im März nämlich:
[4]
Als Quelle für die Hirntumor-Meldung wird bei den polnischen Klatschmedien der britische Journalist Edward Lucas angegeben, der hätte das mit dem Hirntumor gesagt. Und tatsächlich hatte der am 3. März gewittert, ein russischer Oligarch hätte ihm gesagt, Putin hätte einen Hirntumor:
[5]
Also, Focus Online sagt, daß pagesix.com sagt, daß Putin Bauchspeicheldrüsenkrebs habe, und keinen Rückenmarkkrebs, weil polnische Klatschseiten sagen, Putin habe einen Hirntumor, weil ein britischer Journalist vor sieben Monaten gesagt habe, ein russischer Oligarch hätte ihm gesagt, daß Putin einen Hirntumor hätte.

Och bitte.

Kann jetzt nicht mal wirklich jemand Putin stoppen? Das ist ja nicht mehr auszuhalten!


PS:
Bild.de war übrigens schneller als Focus Online, und andere machen auch mit beim "Gerüchte häufen"…