Freitag, 27. Mai 2016

And the weel in the sky keeps on turnin'…

Hurra, es ist wieder soweit! Endlich, ich musste schon viel zu lange darauf warten! Aber jetzt ist es wieder soweit! Wir sind gar nicht unter den Sternzeichen geboren, von denen wir glaubten, unter ihnen geboren worden zu sein! Hat die BBC herausgefunden! Schreibt die Zeit. Na gut, schreibt ihr hipper Ableger ze.tt. Und damit vermeldet endlich wieder ein deutschsprachiges Qualitätsmedium zum ersten Mal seit Januar 2011 die ewig junge Geschichte von der Präzession der Erdachse und der Verschiebung der Sternbilder im Tierkreis!
Hier der Rückblick. Der letzte große Aufklärer war übrigens die Süddeutsche. Es wäre wohl angebracht, einen Wanderpokal für die neueste professionelle deutschsprachige Publikation über die falschen Tierkreiszeichen auszuloben: den Präzessionator!


Hier mit überreiche ich ihn der ze.tt! Glückwunsch! Und seien wir schon gespannt, an wen die Auszeichnung in wenigen Jahren weitergereicht werden wird! Wenn es wieder einmal heißt: Hey, stellt euch vor, was wir herausgefunden haben! Wir sind gar nicht unter den Sternbildern geboren worden, von denen wir das dachten!

Donnerstag, 5. Mai 2016

Hardcore Bolognese

Manchmal gibt es wissenschaftliche Werke von so großer Bedeutung, daß sie innerhalb einer wissenschaftlichen Community über viele Jahrzehnte hinweg als Originalarbeit zitiert werden. Dumm ist es nur, daß solche Werke dann mitunter aus einer Zeit vor der Erfindung des Hirsch-Index stammen, aus einer Zeit, in der es sich ein Wissenschaftler leisten konnte, interessante Gedanken auch irgendwo abseits in einem kleinen Konferenzband zu veröffentlichen. In einem solchen Fall sind die Quellen dann in späteren Jahrzehnten nur schwerlich aufzutreiben. Mir selbst lief eine exzessiv zitierte Quelle aus den 1950ern über den Weg, die ein hübsches Übungsbeispiel für die textkritische Methode abgegeben würde. Der Originaltext findet sich in einem ausgesprochen seltenen Sammelwerk und wurde wahrscheinlich seit den 1960ern von niemanden, der ihn zitiert, im Original gelesen. Alle zitieren ihn nur nach anderen Zitaten und letztlich lässt sich eine leichte Tendenz zur Divergenz feststellen bezüglich dessen, was im Ursprungstext denn nun gesagt sei. Besonders schön ist ein kleiner Namensfehler, der sich in den 1990ern in einem Lehrbuch eingeschlichen hatte. Seither gibt es zwei Traditionen der Überlieferung, ein Zweig zitiert das Originalwerk mit dem richtigen Namen im Zitat und einer geht offenbar von besagtem Lehrbuch aus und zitiert mit dem falschen Namen.
Da ich selber aber der Philologie nicht so zugeneigt bin, fasste ich eines Tages einen verwegenen Plan: Ich wollte den Originaltext auftreiben und alle Missverständnisse meiner Generation ausräumen! Auf eine Digitalisierung des Werks braucht man gar nicht zu hoffen und laut einer europaweiten Bibliothekssuche gibt es in ganz Europa keine drei duzend Bibliotheken, die das gesuchte Sammelwerk in ihren Archiven wissen. Und von diesen Bibliotheken liegt keine in meiner Gegend. Es fiel mir aber auf, daß die Universitätsbibliothek von Bologna zu diesen wenigen ausgezeichneten Bibliotheken gehört. Und da mich meine Wege ohnehin kürzlich nach Bologna führten, wollte ich die Gelegenheit nutzen und in ein paar freien Stunden den Originaltext endlich auftreiben. Und darum geht es im folgenden Text - um den Besuch einer Bibliothek! Ja, das ist ein Sujet, welches dem Leser wenig aufregend und für einen Spannungsbogen kaum tragfähig genug erscheinen mag. Das hätte ich auch gedacht - bevor ich die Universitätsbibliothek von Bologna kennenlernte! Jenen Ort, der in seiner langen Geschichte bereits Franz Kafka, David Lynch und dem frühen Dieter Hallervorden als Quelle der Inspiration für ihr künstlerisches Schaffen gedient haben muß!
Also. Es begann an einem Morgen, an dem eine gleißende Sonne von einem wolkenlosen Himmel ihr warmes Licht großzügig über das Zentrum von Bologna ausgoß. Doch schon bald sollte sich die Sonne verdunkeln...


Beinahe euphorisch berauscht von meinem eigenen, vorbildlichen wissenschaftlichen Eifer oder vom fast schon Indiana-Jones-igem Gefühl, bald der erste Mensch zu sein, der seit Jahrtausenden Jahrzehnten wieder einen Blick auf die Originalzeilen wirft, oder vielleicht auch einfach nur von den drei Frühstücksespressi in meiner Blutbahn, trete ich aus der strahlend hellen Morgensonne hinein in die dunklen Gänge der Alma mater studiorum. Ich quetsche meine Tasche in eines der Schließfächer im Korridor vor dem Eingang zur Universitätsbibliothek und mache mich schwungvollen Schrittes auf den Weg hinein. Mitten in der Tür läßt mich der laute Schrei
"Halt! Sie da! Stehen bleiben!"
innehalten. Es war ein Schrei in jenem Tonfall, wie ihn nur ein bestimmter Menschenschlag hervorzubringen vermag. Jener Tonfall, in dem Aggressivität gerade so eben den Anflug von Panik angesichts eines befürchteten Kontrollverlusts zu überdecken vermag. Ein Tonfall, in dem einem ein unsicherer Sachbearbeiter auf dem Bürgeramt das "Aber Sie haben das Formular ja vollkommen falsch ausgefüllt!" entgegen schleudert. Oder wie ihn Pförtner haben, wenn man ohne sie zu beachten an ihnen vorbei rauscht.
Ich drehe mich um und eine Pförtnerin kommt aus einem kleinen Kabuff auf mich zu gerannt:
"Sie da, stehen bleiben! Wo wollen Sie denn hin?"
Eine seltsame Frage an jemanden, den man in der Tür zur Bibliothek gestoppt hat. Ich habe schon viele Agentenfilme gesehen und weiß daher, die beste Strategie besteht darin, so nah wie möglich an der Wahrheit zu bleiben. Ich antworte:
"In die Bibliothek."
"Und was wollen Sie da?"
Noch eine merkwürdige Frage. Was könnte ich in einer Bibliothek wollen? Eier, Milch, 150 Gramm Aufschnitt… Ich will ihren Sinn für's Bizarre testen und gebe die maximal provozierende Antwort:
"Ein Buch."
"Sie gehen da nicht rein."
Ok, jetzt bin ich aber auch mal dran mit blöden Fragen:
"Tu' ich nicht?"
"Nein. Sie müssen mir Ihren Ausweis geben wenn Sie da rein wollen."
Ah. Das Lesen in den Zeiten des Terrors oder was? Wenn ein Selbstmordattentäter den Lesesaal zur Hölle schickt, dann soll die Polizei gleich seinen Ausweis haben, wie es sich für Terroranschläge heutzutage gehört? Egal. Ich erkläre ihr, daß mein Ausweis in meiner Tasche und meine Tasche im Schließfach ist und gehe zurück um ihn zu holen. Als ich wiederkomme hat sich die Pförtnerin, offenbar beruhigt, die Kontrolle über die Situation zurückgewonnen zu haben, wieder in ihr Kabuff zurückgezogen und hinter einem keinen Tisch platzgenommen. Ich schiebe ihr meinen Reisepass hinüber, doch Kerberos würdigt ihn keines Blickes. Stattdessen lehnt sie sich, auf beide Unterarme gestützt, vor und sieht mich scharf von unten an:
"Sie benutzen ein Schließfach?"
Langsam beginnt sich eine gewisse Genervtheit in meine Unsicherheit zu mischen:
"Ja, ich benutze ein Schließfach."
"Welches!"
Eigentlich war dies eine Frage, aber ein Ausrufezeichen gibt den Tonfall besser wieder.
"Eines von denen dahinten."
Ich zeige hinaus.
"Welches!"
"Mittlere Reihe das erste von rechts!"
"Welche Nummer!"
"Das weiß ich doch nicht welche Nummer das hat! Es ist das erste von rechts!"
"Sie müssen mir ihre Schließfachnummer sagen sonst kommen Sie nicht rein."
Ich laufe wieder zurück zum Schließfach, komme zurück zur Pforte des Grauens und berichte ein
"63."
Die Pförtnerin füllt ein weißes Formular aus. Es ist an einer Seite perforiert, so daß ein Stück abgetrennt werden kann. Das größere Stück des geteilten Formulars schiebt sie zusammen mit meinem Pass in eine hölzerne Karteikiste. Das andere Stück gibt sie mir in die Hand und gestattet mir mit einem Verdrehen der Augen die Passage in die noch dunkleren Hallen der Bibliothek.

Im zweiten Stock komme ich zu einer sehr großen Theke mit einer sehr kleinen Bibliothekarin dahinter. Ich bin bestens vorbereitet und äußere mein Verlangen nach einem Schatz ihres Archivs, vollständig mit Autor, Titel, Herausgeber, Ort und Jahr der Veröffentlichung und sogar mit Signatur. Ich habe mich mit dem Onlinekatalog wirklich sehr gut vorbereitet. Ich habe ein rotes Formular auszufüllen. Auch dieses ist perforiert, sogar zweimal. Ich fülle alles mehrfach aus, notiere Name, Anschrift, Staatsbürgerschaft, Geburtstag, Beruf und die Nummern auf dem kleinen weißen Zettel vom Eingang auf die drei Teile des des Formulars. Als ich der Bibliothekarin sage, daß mein Pass bei der Pförtnerin ist, gestattet sie mir, das Feld für die Ausweisnummer leer zu lassen. Dann zerteilt sie das Formular routiniert in drei Stücke. Eines drückt sie mir in die Hand, eines wandert in eine hölzerne Karteikiste auf ihrer Theke, eines verschwindet auf einen Stapel im Hintergrund.
Doch, tatsächlich, diese Bibliothek verfügt auch über einen Onlinekatalog!
Von da an geht es recht schnell voran. Nach kurzem Warten und einem kurzen Abgleich meines roten und weißen Zettels mit dem nun im Buch steckenden roten Zettel vom Hintergrundstapel händigt die kleine Bibliothekarin mir ein dickes Buch in fleckigem Einband aus und entlässt mich damit zu den Lesetischen. Es irritiert sie auch nicht im mindesten, daß ich dreimal meinen Platz wechsle bis ich eine helle aber nicht direkt beleuchtete Ecke eines Tisches gefunden habe und die nächste halbe Stunde Seite für Seite abfotografiere. Meinen nächsten Fehler mache ich erst, als ich fertig war. Ich gehe zur wirklich sehr großen Theke und schiebe der Bibliothekarin das Buch mit den Worten
"Danke, das war's"
hinüber, dann wende ich mich zum Gehen. Nach nur wenigen Schritten höre ich von hinten ihren Ruf:
"Stehen bleiben! Wo wollen Sie denn hin?"
Bitte nicht schon wieder! Ich wende mich um:
"Ich will hier raus. Ich will zurück in die Sonne! Ich will meine Fotos auf den Laptop laden, alles zu einem hübschen pdf packen und mich in die Lektüre stürzen!"
Sie bleibt ungerührt:
"Sie gehen nirgendwo hin. Kommen Sie wieder her!"
An der Theke fordert sie mit einer harschen Geste meine Zettel. Sie legt meinen kleinen weißen Zettel, meinen roten Zettel, den roten Zettel aus ihrer Karteikiste und den roten Zettel aus dem Buch nebeneinander und beginnt, sie sorgfältig abzugleichen. Dann naht der einzige, wahre und überwältigende Moment der Erlösung aus einer grausamen Welt der Bürokratie: Die Bibliothekarin greift nach einem großen Stempel. Sie muß gut zielen, er paßt gerade so eben auf die kleinen Zettel. Dann stempelt sie ein großes, fettes "ZURÜCKGEGEBEN" auf die drei roten Zettel. Meinen weißen Zettel und meinen roten Zettel gibt sie mir zurück mit den Worten
"Jetzt ist alles erledigt."
Die übrigen Zettel wandern in eine andere hölzerne Karteikiste. Ich schaue kurz auf meinen roten, irgendwie beruhigend bestempelten Zettel und murmle ein knappes aber vom tiefsten Grunde meines Herzens emporgestiegenes
"Danke."

Nein, das war es noch nicht ganz. Eine Episode bleibt noch. Schließlich muß ich vor dem Ritt in den Sonnenuntergang noch Kerberos dazu bringen, mir meinen Pass wiederzugeben. Die Pförtnerin sitzt noch immer hinter ihrem Tisch und schaut lauernd in die Eingangshalle hinein. Ich schiebe ihr den kleinen weißen Zettel, den sie mir bei unserer letzten Begegnung gegeben hatte, über den Tisch mit den Worten:
"Sie haben noch meinen Pass."
"Und?"
"Den hätte ich dann doch gerne zurück."
"Dazu brauche ich den Zettel."
Einen Moment lang schaue ich irritiert auf den kleinen weißen Zettel auf der schmuddeligen Holztischplatte zwischen uns, dann verstehe ich und hebe den roten "ZURÜCKGEGEBEN"-Zettel hoch. Soll dieser hart erworbene Zettel der Preis sein, den zu zahlen ich gezwungen bin, will ich zurückkehren in die Welt der Lebenden? So will ich nicht zögern! Ich schiebe ihr auch den roten Zettel hin. Sie nimmt meinen Pass mit ihrem Teil des weißen Zettels aus der Karteikiste, packt ihren weißen Zettel mit meinem roten Zettel in eine andere Kiste und händigt mir meinen Pass mit meinem weißen Zettel aus. Und dann durchschreite ich das Tor hinaus in eine von hellen Mittagslicht durchflutete Welt.

Was bleibt sind Fragen. Was, hätte ich mich geirrt und das Buch wäre nicht im Archiv gewesen? Hätte ich dann keinen roten "ZURÜCKGEGEBEN"-Zettel bekommen und wäre auf ewig in den dunklen Hallen der Bibliothek gefangen gewesen? Was, wenn ich zwei Bücher angefragt, dann aber nur einen "ZURÜCKGEGEBEN"-Zettel an der Pforte vorgelegt und außerdem eine falsche Schließfachnummer angegeben hätte? Wäre das das perfekte Verbrechen gewesen? Und diente der ganze Unsinn nur dazu, daß Italiener einem Deutschen mal zeigen können, wie richtige Bürokratie geht, hardcore auf toten Bäumen? Ich werde die Antworten nicht erfahren. Aber ich werde die Fragen auch nicht vergessen, ein kleiner weißer Zettel erinnert mich an sie. Ein Zettel, auf dem mit blauem Kugelschreiber vermerkt ist, daß ich der Besucher 17 an jenem Tag in der Universitätsbibliothek von Bologna war. Und daß ich das Schließfach Nummer 63 hatte.

Solltest Du, oh Leser, eines Tages einmal vor dem Schießfach mit der Nummer 63 am Eingang zur Universitätsbibliothek von Bologna stehen, so halte für einen Augenblick inne und gedenke meiner! Gedenke meiner als eines einfachen Reisenden, der hier ein und wieder aus ging zur Zeit des fünften Mondes des Jahres 2769 ab urbe condita. Gedenke meiner, und mein schützender Segen wird über Deinem Besuch liegen!

Samstag, 30. April 2016

Das war der April

Die Top 10 Terroranschläge des Monats!

Platz 1:
19. April, Kabul (Afghanistan): 64 Tote!

Platz 2:
4. April, Nasiriyah (Irak): 14 Tote!

Platz 3 (geteilt):
22. April, Baghdad (Irak): 7 Tote!
25. April, Sayyidah (Syrien): 7 Tote!

Platz 5 (geteilt):
11. April, Hit (Irak): 6 Tote!
21. April, Ramadi (Irak): 6 Tote!

Platz 7 (geteilt):
4. April, Basra (Irak): 5 Tote!
11. April, Mogadishu (Somalia): 5 Tote!
11. April, Ruyigi (Burundi): 5 Tote!

Platz 10:
12. April, Aden (Jemen): 4 Tote!

EU + USA mal wieder abgeschlagen (0 Tote).

Samstag, 16. April 2016

MUЯ OƧ HƆUA THƆIИ MUЯAW

Daß eine Vierjährige ihren Namen schreiben kann: ok. Aber wenn die bei einem Besuch eine Magnettafel mit kyrillischen Buchstaben findet und das "И" und "Г" benutzt, um ihren Namen spiegelverkehrt zu schreiben - ist das ein Zeichen leichter Verwirrbarkeit oder besonderer Begabung?

Dienstag, 12. April 2016

Der die Ziege fickt

Ein recht zuverlässiger Indikator dafür, daß gerade etwas wirklich Großes entstanden ist, ist das Unverständnis des Establishments. Wenn die Jury des ehrenwerten Pariser Salons zu dem Urteil kommt, die Werke dieser Herrn Manet, Whistler oder Cézanne entsprächen nicht den Ansprüchen, die an die Kunst zu stellen seien, dann merkt man, hier ist etwas Neues und Wichtiges geboren worden. Wenn die Pariser Universität und der Heilige Stuhl zu der Einschätzung gelangen, Descartes Art der Philosophie sei eine Zumutung und gehöre verboten, dann weiß man, das menschliche Denken hat nun eine neue und aufregende Richtung eingeschlagen.
Und da sollte man zwei Dinge nicht falsch verstehen. Das Neue wird nicht dadurch besonders, daß es auf einer rein technischen Ebene so viel weiter entwickelt wäre als das Bestehende. Und nur weil es neu und anders ist, muß man es noch nicht persönlich mögen. Man sollte sich allerdings damit beschäftigen.

Und nun schalten wir einen Gang zurück und reden über Jan Böhmermann und seine "Schmähkritik".  Allein das aus unzähligen Kritiken und Kommentaren sprechende allgemeine Unverständnis läßt einen erahnen, daß hier ein wirklich großes, ein überragendes Werk gelungen ist.
Was hat er getan? Er hat gesagt, daß eine nicht sachbezogene, grob beleidigende Kritik in Deutschland nicht als Satire geschützt, sondern als "Schmähkritik" im Prinzip strafbar sei. Und er hat ein Beispiel zur Verdeutlichung gegeben. Hätte er gesagt, "Es ist verboten 'Erdoğan ist ein Arschloch' zu sagen.", nichts wäre daran bemerkenswert gewesen. Allein, er hat das "Arschloch" etwas ausführlicher in Form eines kleinen Gedicht ausgearbeitet. Und nur dadurch wird der Fall besonders! Denn hat er das Beispiel dafür, was man nicht darf, nicht doch ein klein wenig zu detailliert ausgeführt, um noch ein Beispiel zu sein? Er hat etwas grundsätzlich unverfängliches gesagt und dabei doch Worte gewählt, die zweifeln lassen, ob das Gesagte nicht doch etwas anderes, etwas dem Mächtigen gegenüber Unerhörtes meint. Und dies ist Satire in ihrer reinsten, direktesten und gelungensten Form. Und all die irrsinnigen Kommentare steigern die Brillanz dieses so simplen und so treffenden Werks noch. Wir müssen nun die Meinungsfreiheit verteidigen? Was hat das denn mit der Meinungsfreiheit zu tun! Böhmermanns Meinung war doch nicht, Erdoğan sei ein Ziegenficker, seine Meinung war es, seine Ziegenfickerausführungen seien nach deutscher Rechtslage strafbar. Und mit dieser Meinung hat doch niemand das geringste Problem! Nein, Böhmermann hat keine Diskussion um Meinungsfreiheit angeregt! Die eigentliche Diskussion geht darum, ob man jemanden für Worte bestrafen kann, weil man glaubt, daß diese etwas anderes meinen als sie sagen. Eine hübsche, spannende und groteske Diskussion, fundamental und genial. Und alle fallend sie darauf herein. Herr Erdoğan natürlich sowieso, aber auch Frau Merkel, die sich mit ihrer "bewußt verletzend"-Einschätzung genau in die Interpretationsfalle des Was meint der dünne blasse Junge wirklich wirft, die ihr ausgelegt wurde. Oder die ach so progressiven Oppositionspolitiker, die jetzt über Paragraphen diskutieren oder eben "Meinungsfreiheit" verteidigen wollen. Oder  all jene, die meinen, Herr Böhmermann hätte sich schlicht im Ton vergriffen, vergaloppiert oder wolle nur schnelle Aufmerksamkeit abgreifen. Oder der Kommentator bei SpOn, der meint, Böhmermanns Ziegenficker-Äußerungen würden den wahrgenommenen Höhepunkt seiner Karriere markieren. Denn jemand, der alleine mit einem einzigen etwas zu plastisch ausgeschmückten Beispiel alle, vom Feuilleton bis zur Regierung, vor sich her und orientierungslos durcheinander treiben kann, dessen Karriere ist noch lange nicht auf dem Höhepunkt. Dessen Karriere geht gerade erst richtig los.

Donnerstag, 31. März 2016

Das war der März

Hm, nicht viel geschrieben hier im März… Aber was alles liegen geblieben ist hier in aller Kürze als Monatsrückblick des Jahres! Das war der März:

1. März, Die Zeit

Wieviel Realität darf man zeigen bevor man Propaganda macht? Besser als sie selbst hätte niemand das journalistische Selbstverständnis der Zeit zusammenfassen können!

3. März, SpOn

"Mann schießt sich beim letzten Selfie in den Kopf"? Das ist höchstens ein Trostpreis beim Darwin-Award, aber doch keine Meldung! "Mann schießt sich bei vorletztem Selfie in den Kopf" - das wäre eine Meldung gewesen!

8. März, Die Zeit

Wie man mit nur einem überzähligen Wort seine Entkopplung von der Realität dokumentieren kann! "Künftig"? Da steht der laut Wikipedia "jungen Journalistin" Nadja Kirsten noch ein schmerzhafter Kontakt mit Wirklichkeit bevor: "Karriere machen" ist quasi synonym mit "Das machen, was sowieso alle machen, nur ein bisschen schneller und perfekter"!

14. März, ze.tt

Da habe ich auch einen guten Tipp, wie man besser in den Tag starten kann, wenn man sich nicht aus dem Bett quälen muß: Einfach länger liegenbleiben!

14. März, FAZ

Etwas weniger fazig ausgedrückt heißt das schlicht: "Diese Politik ist inhuman aber richtig". Das finden zumindest FAZ-Redakteure, aber die sind ja auch nicht Gegenstand der inhumanen Politik. Aus einem rätselhaften, noch völlig unerforschten Grund finden von der Inhumanität der Politik Betroffene diese meist deutlich weniger richtig. Aber egal - endlich sagt's mal einer!

15. März, Die Welt
18. März, Die Zeit

Fast geschlagen in fast aussichtsloser Defensive und dann drei Tage später vor der globalen Expansion? O Fortuna / velut luna / statu variabilis…!

29. März, Süddeutsche

Die ukrainische Finanzministerin Natalie Jaresko? Eine Amerikanerin, die über zwei Jahrzehnte für das US-Außenministerium und amerikanische Finanzinvestoren arbeitete, 2014 auf dem kurzen Weg die ukrainische Staatsbürgerschaft bekam und noch am gleichen Tag zur Finanzministerin berufen wurde. So eine unabhängige Regierungschefin würden sicher ganz viele Ukrainer schätzen! Und nächsten Monat: Gina Wild wird die neue Stadtjungfrau von Kiew!

30. März, Die Welt

Jesus hat es mit Brot und Fischen vorgemacht, die Luftschiffbauer machen es nach: Aus einem Luftschiff-Projekt mache 1000 erfolglose!

30. März, Die Zeit

Ja, das ist in der Tat große Satire! Aber man stellt sich doch wieder einmal die ewige Frage, darf Satire eigentlich alles? Auch so geschmacklos und zynisch sein? Liest man dann aber den Zeit-Artikel durch, dann erfährt man, die Satire kommt vom NDR und Steinmeier meinte das mit den europäischen Werten und der Türkei ernst! Darf Heulerei und Zynismus eigentlich alles?


Und zum Abschluss noch die Top-10-Terroranschläge des Monats!

Platz 1:
27. März, Lahore (Pakistan): 72 Tote!

Platz 2:
6. März, Hilla (Irak): 60 Tote!

Platz 3:
25. März, Al Asrya (Irak): 41 Tote!

Platz 4:
13. März, Ankara (Türkei): 37 Tote!

Platz 5:
22. März, Brüssel (Belgien): 32 Tote!

Platz 6:
16. März, Maiduguri (Nigeria): 22 Tote!

Platz 7:
13. März, Gran-Bassam (Elfenbeinküste): 21 Tote!

Platz 8:
4. März, Aden (Jemen): 16 Tote!

Platz 9:
10. März, Charsadda (Pakistan): 10 Tote!

Platz 10:
19. März 2016, Istanbul (Türkei): 5 Tote!

Auch im März konnte Westeuropa einmal mehr nicht in die Spitzengruppe der Terroropfer vordringen...

Dienstag, 29. März 2016

DWüdW Deutsch

Ich habe die Ostertage ja auch genutzt, um den Entwurf des Grundsatzprogramms der AfD zu lesen. Und das war kein Spaß, hat es mich doch in eine tiefe Identitätskrise gestürzt!
Die AfD will eine deutsche Leitkultur, und das finde ich prima! Ich brauche auch eine Leitkultur, denn ohne kulturelle Anleitung werde ich womöglich noch aus Versehen schwul und mache eine Falafel-Bude auf. Und das kann ja niemand wollen. Und was diese Leitkultur ist, das schreibt die AfD praktischer Weise auch gleich auf:
"Die Alternative für Deutschland bekennt sich zur deutschen Leitkultur, die sich im Wesentlichen aus drei Quellen speist: erstens der religiösen Überlieferung des Christentums, zweitens der wissenschaftlich‐humanistischen Tradition, deren antike Wurzeln in Renaissance und Aufklärung erneuert wurden, und drittens dem römischen Recht, auf dem unser Rechtsstaat fußt."
Christentum, Renaissance-Humanismus und römisches Recht? Das Christentum ist eine Erfindung durchgeknallter Juden im Nahen Osten! Der Renaissance-Humanismus kommt aus Italien und seine antiken Wurzeln liegen in Griechenland! Die Aufklärung kommt aus Frankreich und Rom liegt, wenn ich mich aus der Schule noch richtig erinnere, auch irgendwo in der Nähe von Italien! Alle wesentlichen Quellen unserer deutschen Leitkultur sind also Importe aus irgendwelchen verfickten Ölivenölländern?! Das darf doch nicht wahr sein! Was ist denn da noch richtig deutsch?

Die Kartoffel! Ach ne, die haben spanische Eroberer aus Südamerika mitgebracht. Autobahnen! Nee, die erste Autobahn der Welt wurde 1924 in Italien eröffnet, gebaut von einem Ingenieur mit dem urdeutschen Namen Piero Puricelli. Und selbst der verschissene Faschismus ist eine italienische Erfindung, die erst noch von einem Österreicher aufgekocht werden musste, bevor der Deutsche sie gefressen hat!
Da bleibt nur eines, deutsch sein, das heißt: Zäh wie Leder, hart wie Krupp-Stahl, flink wie ein Windhund! Wobei - die ältesten bekannten Lederprodukte kommen aus - man traut es sich kaum zu sagen - Armenien! Die Krupps waren eine niederländische Migrantenfamilie, die das Verfahren zur Stahlherstellung von englischen Ingenieuren abgekupfert hat. Und Windhunde hatten schon die alten Ägypter... Verdammt, ich kann so nicht völkisch denken!

Aber jetzt hab ich's: Niederländische Migranten, die mit geklauten ausländischen Ideen ein Vermögen machen, während sie, von römischen Recht geschützt und wenn sie nicht gerade einen nahöstlichen Religionsstifter an einem römischen Kreuz anbeten, italienischem Humanismus huldigen - das ist urdeutsch! Au ja, lasst uns das vor fremdländischen Einflüssen schützen!

Montag, 21. März 2016

400921fb54442d18

Die Kreiszahl π hat, als Dezimalzahl aufgeschrieben, unendlich viele Ziffern. Äh, gut, das ist erst mal nix besonderes, das hat die Zahl 1/3 auch. Nur gibt es bei π halt keine Systematik in der Abfolge der Ziffern (also zumindest nach dem gegenwärtigem Stand der Kunst…). Trotzdem sorgt man sich bei der Welt um die Genauigkeit, wenn amerikanische Raketenwissenschaftler mit der Zahl π rechnen müssen:
"Für die amerikanische Weltraumagentur Nasa ist die Kreiszahl π (Pi) für die Steuerung von Raumsonden und anderen Flugkörpern im All von großer Bedeutung. Bei der Navigation geht es dabei vor allem um Genauigkeit, ein Umstand der durch die Komplexität der Konstante π erschwert wird. Denn die Kreiszahl besitzt unendlich viele Stellen hinter dem Komma"
Ob die Kreiszahl π auch für andere Weltraumagenturen als die NASA für die Steuerung von Flugkörpern im All von großer Bedeutung ist und wie die NASA die Zahl 1/3 denn rechentechnisch so bewältigt, darüber erfährt der Leser leider nichts. Aber immerhin beantwortet die Welt eine ganz ganz spannende Frage:
Na, schon aufgeregt?
Jetzt knistert's aber schon wirklich, was? Wollt ihr's wissen? Wollt auch ihr erstaunt werden? Wollt ihr wirklich wirklich wissen, mit wie vielen brandheißen π-Nachkommastellen die Badass Motherfucker von der NASA so rechnen?? Ja?!?


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Oder anders ausgedrückt: die Höllenhunde von der NASA benutzen doch tatsächlich double precision foating point - Arithmetik.

Baoh, das war ja mal was. Hammer. Jetzt brachen wir bestimmt alle eine ganze Weile, bis wir nach der Aufregung wieder runter gekommen sind und den vor Staunen offenen Mund wieder geschlossen haben!

Mittwoch, 16. März 2016

Wenn Brödchen brabbelt

Es ist nicht zum aushalten! Was hat man uns nicht schon alles erzählt, warum so viele Flüchtende, insbesondere aus Syrien, nach Europa gelangen wollen! Josef Joffe hat in der Zeit unter dem Titel "Putins Krieg" festgestellt, daß die russischen Bomben auf Syrien schuld sind (und Putin damit natürlich Deutschland in den Abgrund stürzen will):
"Den jüngsten Flüchtlingsschub verdankt Merkel-Land dem eskalierenden Bombardement syrischer Städte [durch Russland], das doppelten Gewinn abwirft: Es stützt Assads Killerdiktatur und treibt Hunderttausende Richtung Deutschland, wo Merkel unter wachsenden Beschuss gerät."
Und nein, das ist nicht nur ein Joffe-Problem; selbst bei der taz bläst man aktuell in dieses Horn:
"Dabei treibt der russische Potentat mit seinen Bombardements in Syrien immer mehr Menschen in die Flucht und damit in unsere Arme."
Aber es sind noch mehr Theorien im Angebot! Bei der Welt spekulierte man diese Woche herum, es sei eine Kombination aus "chronischen Defiziten an Demokratie, Emanzipation und Bildung" und dem Klimawandel, die Menschen auf die Flucht nach Europa treibe.
Den ersten Preis für eklige Theorien geht aber wieder mal an Henryk Broder bei der Welt (es kann ja nicht immer Fleischhauer gewinnen…).  Unter dem Titel "Was Blümchen [gemeint ist Norbert Blüm] in Idomeni zu sehen bekam" analysiert er die Lage von Geflohenen in Idomeni und bringt eine neue Erklärung dafür ins Spiel, weshalb sich Menschen die Torturen der Flucht nach Europa antun: Die sind einfach geil auf Qualen! Bzw:
"Anders als im hedonistischen Europa, wo Jugendliche, denen der Einlass in eine Disko verweigert wurde, wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt werden müssen, gilt in der arabisch-islamischen Kultur das Leiden als ein Wert an sich."
Bei so vielen Theorien über die Ursachen der Massenflucht aus Syrien nach Europa will ich jetzt auch mal mit einer These aufwarten: Wir sind schuld daran. Nicht prinzipiell, wegen Unterstützung einer Bürgerkriegspartei oder sowas, sondern ganz unmittelbar und direkt. Aber gehen wir es der Reihe nach an.

Ist Putin Schuld? Ja klar, immer. Aber gucken wir erst mal auf die Zahlen. Zuerst auf die Zahl der Syrer, die nach Europa fliehen. Dazu gibt es jede Menge Daten vom Statistischen Amt der Europäischen Union, Eurostat. Unter Europa wollen wir hier mal die 28 EU-Länder plus der Schweiz, Norwegen und Island verstehen (diese Definition ist aber nur pro forma, tatsächlich bedeutet Europa in diesem Zusammenhang: Deutschland, Schweden, Ungarn und Sonstige). Und für die Zahl der nach Europa Geflohenen nehmen wir die Anzahl von Asylerstanträgen von Menschen mit syrischer Staatsbürgerschaft pro Kalendermonat. Das sieht dann so aus:
Offensichtlich wächst die Zahl der nach Europa fliehenden Menschen Jahr zu Jahr an. Außerdem sieht man eine Schwankung mit der Jahreszeit, im Sommer und Herbst sind es mehr Menschen als im Winter und Frühjahr. Und wann begannen die russischen und amerikanischen Luftangriffe auf Syrien? Der rote Pfeil markiert den Beginn der russischen, der blaue den der amerikanischen Angriffe:
Da werden sich die Freunde stabilisierenden Eingreifens mit robusten Mandaten aller Orten aber ein Loch in den Ast freuen! Mit dem Beginn von Bombardierungen nimmt die Zahl der nach Europa Fliehenden ab! Vielleicht liegt's aber doch nur am Wetter, und die Bombardierungen haben keinen unmittelbaren Einfluß auf die Anzahl der nach Europa Fliehenden. Nicht mal die russischen. Und Joffe hat einmal mehr schlicht Unrecht. Den "jüngsten Flüchtlingsschub" verdankt "Merkel-Land" nicht dem russischen Bombardement; der jüngste Schub erreichte seinen Höhepunkt bereits vor dem Abwurf der ersten russischen Bombe auf Syrien.

Gucken wir nun noch einmal das größere Bild an und betrachten nicht nur syrische Flüchtlinge nach Europa, sondern alle Syrer, die Syrien verlassen haben. Umfangreiche Daten dazu findet man bei der Syria Regional Refugee Response der UNHCR. Und wer schon von den Flüchtlingszahlen im letzten Diagramm beunruhigt war, der sollte an dieser Stelle besser aus dem Text aussteigen. Hier sind die Zahlen aller außerhalb Syriens registrierter Flüchtlinge, in kumulativer Darstellung. Die Die Zahlen für Europa (die selben wie um obigen Diagramm, nur nicht pro Monat, sondern kumulativ) sind zum Vergleich eingetragen:
Nur ein Bruchteil der Menschen, die Syrien in den letzten vier Jahren verlassen haben, hat es bisher bis nach Europa geschafft. Hinter den ca. 600 000 Syrern in Europa stehen noch mehr als 4 Millionen weitere Syrer, in Jordanien, dem Libanon, dem Irak, der Türkei, in Ägypten und Sonstigen. Was machen die da so? Wären es christliche Leistungsträger, dann würden die wohl Start-ups für Handy-Klingeltöne gründen oder innovative neue Finanzprodukte erfinden und gemäß ihrem Beitrag zur menschlichen Zivilisation stinkreich werden. Tun sie aber nicht. Muß an deren Kultur liegen. Tatsächlich sind die mit der Aufgabe, nicht zu verhungern, bereits ziemlich ausgelastet.

Nach dem Strategical Overview 2016-2017 der UNHCR sind aktuell 2,702 Millionen geflohene Syrer auf Nahrungsmittelbeihilfen in Form von Bargeld, Gutscheinen oder Sachleistungen angewiesen. Im Sommer 2015 waren es noch 1,823 Millionen Menschen.
Und den Vereinten Nationen mangelt es an Geld, die Menschen auch nur halbwegs angemessen zu versorgen. Und das nicht plötzlich, eindringliche Warnungen vor einer Unterfinanzierungen und der daraus folgenden gewaltigen humanitären Katastrophe gab es immer wieder, in Berichten und Pressemitteilungen von UNHCR und Welternährungsprogramm (WFP). Eine kleine Auswahl:

Juli 2014:
"UNHCR warns of dramatic consequences if funding gaps for Syrian refugees continue"

Oktober 2014:
"Urgent funding shortfalls force WFP to cut operations in Syria and sub-regions"

März 2015:
"UNHCR chief warns that Syria crisis at dangerous tipping point, as humanitarian needs outpace funding"

Juni 2015:
"Funding shortage leaves Syrian refugees in danger of missing vital support"

Allein, es gab nicht genug Geld für die UNHCR, WFP und deren Partnerorganisationen. Und so nimmt die Katastrophe ihren vorhergesehenen Lauf. In Jordanien ist der Anteil von syrischen Flüchtlingshaushalten mit sicherer Lebensmittelversorgung laut UNHCR (Strategical Overview 2016-2017 und 3RPProgress Report 2015) von 53% im Jahr 2014 auf 14% im Jahr 2015 abgestürzt, in Jordanien von 25% auf 11%. Der Wert der UN-Lebensmittelgutscheine pro Kopf und Monat wurde je nach Gastland um 22% bis 43% gegenüber 2014 gekürzt. 14% (im Libanon) bis 20% (in Jordanien) der von den Kürzungen betroffenen Familien mit Schulkindern haben angegeben, ihre Kinder aus der Schule genommen zu haben um Geld zu sparen oder sie zum betteln oder arbeiten zu schicken. Kinderarbeit, Zwangsheiraten, Krankheiten, das ganze Horrorprogramm einer ums Überleben kämpfenden Menschengruppe spult sich unter den Geflohenen ab.

Die UNHCR hatte auch Zahlen genannt, wieviel Geld benötigt würde um die Katastrophe abzuwenden. Für die Lebensmittelversorgung waren es eine runde Milliarde US-$ (Stand Sommer 2015). Und das ist auch eine unvorstellbar große Summe. Eine Milliarde Dollar, das ist, Moment, ich rechne mal nach… Das ist 1,3% des geschätzten Privatvermögens von Bill Gates! Und 1,3% des Besitzes von Bill Gates, das ist eine so astronomisch große Zahl, da ist es kein Wunder, daß die Weltgemeinschaft das nicht aufbringen konnte. (Denn ich will ja nicht ernsthaft vorschlagen, Schwerreiche zur Finanzierung von Flüchtlingen heranzuziehen. Das wäre ja ein völlig falsches Signal an die Leistungsträger. Wenn man auf Millionengewinne auch nur 50% Steuern zahlen müßte, da dächten die sich doch, daß es dann auch nicht mehr die Anstrengung wert ist. Da könnte man sich ja auch gleich in ein Zelt irgendwo in Jordanien setzten und sich bequem mit UN-Lebensmittelgutscheinen versorgen lassen…)

Nein, nicht russische Bomben oder Klimawandel oder Broders angebliche arabische Geilheit aufs Leiden ist Schuld, wenn Menschen aus Syrien nach Europa kommen wollen. Wir sind Schuld. Denn wir beteiligen uns zwar eifrig am Bomben, die angerichteten Folgen ignorieren wir. Wir lassen Millionen von Menschen irgendwo in der Wüste im Stich. Menschen, die immer weniger zu Essen haben und übrigens auch keine brauchbare medizinische Versorgung oder Zugang zu Bildung oder irgendwelche Zukunftschancen in ihrer Region. Und diese Menschen werden sich in Bewegung setzten, in unsere Richtung. Was sollten sie auch sonst tun? Dasitzen und verhungern, damit der Deutsche sich nicht überfremdet fühlt? Wir lassen die Menschen da, wo sie sind, im Zweifel verrecken und wundern uns dann, wenn sie in immer weiter wachsender Zahl bei uns vor der Tür auftauchen.
Und diese Entwicklung wurde schon seit zwei Jahren angekündigt. Der gegenwärtige Zustand ist also weder überraschend noch ist er unabwendbar gewesen. Er kann also nur eines sein: politisch gewollt.