Freitag, 15. August 2014

Verletzte Gefühle

Im Cicero findet Petra Sorge den Vorwurf, deutsche Journalisten beteiligten sich an einem Propagandafeldzug, absurd und auch "ein bisschen verletzend". Damit ist sie nicht allein, immer mal wieder erklären Journalisten, daß sie es sich den wiederkehrenden Propagandavorwurf nicht so recht erklären können. (Außer durch den Einsatz russischer Provokateure und die in der Birne nicht so ganz hellen Medienkonsumenten, vielleicht.) Nun könnte man in einen sehr, sehr langen Strom von fragwürdigen Artikeln und Berichten zu aktuellen Konflikten eintauchen, um den Propagandavorwurf zu untermalen. Ich möchte hier aber nur an ein drei kleine Einzelfälle erinnern, die mir selbst als eindrucksvolle Höhepunkte journalistischen Versagens in Erinnerung geblieben sind.

Fangen wir mit einem kurzen Satz des Chefredakteurs der Tagesschau, Kai Gniffke an. Der schrieb am 16. Mai im Tagesschau-Blog:
"Übrigens war die Regierung Janukowitsch unstreitig demokratisch legitimiert."
Dagegen halten wir mal einige Zitate der Off-Sprecherin und der Reporterin Sabine Rau aus der 20-Uhr-Tagesschau vom 1. Februar. Aus der Berichterstattung zur Münchner Sicherheitskonferenz heißt es da:
"Der Oppositionsführer [Klitschko] war in der Nacht aus der Ukraine angereist und er ließ keinen Zweifel, was der von Europa erwartet: Klare Positionierung und Sanktionen gegen das Regime." 
"Am Rande der Konferenz hatte der Ex-Boxweltmeister zahlreiche Gespräche, unter anderem auch mit dem deutschen Außenminister. Dessen Appell an die Adresse des Regimes: […]" 
"Russland zeigt sich bislang entschieden an der Seite des Regimes." 
"Danach werde man sehen, ob Moskau womöglich zu weiteren Maßnahmen greift, um das Regime in Kiew zu stabilisieren."
In einer einzigen Tagesschau-Sendung wurde die "unstreitig demokratisch legitimierte" Regierung in Kiew gleich vier mal ausdrücklich als "Regime" bezeichnet. Hat die Tagesschau das Wort "Regime" hier in irgend einem abstrakten, staatsrechtlichen Sinne verwendet, der mir als Zuschauer nicht so geläufig ist?  Oder hat sie versehentlich einfach nur ein bisschen zu eng mit Steinmeier und Klitschko gekuschelt? Denn ich schließe mich da der Bemerkung aus der Wikipedia an:
"Im allgemeinen Sprachgebrauch findet ‚Regime‘ mit abwertender Konnotation vor allem für nicht demokratisch legitimierte und kontrollierte Herrschaftsformen, etwa Diktaturen oder Putschregierungen, Verwendung."
Bleiben wir noch ein bisschen bei der Tagesschau. In der Sendung vom 3. Mai wird (nach einem immerhin16-minütigen (!) Bericht über die Freilassung von "OSZE-Beobachtern" in der Ostukraine) auch vom Brand des Gewerkschaftshauses in Odessa mit vielen Toten berichtet. Dort heißt es:
"Bei schweren Ausschreitungen geriet das Gebäude der Gewerkschaften in Brand, mehr als 40 Menschen kamen dabei ums Leben."
Und etwas später:
"Brandursache waren offenbar Molotowcocktails."
Nun war die Brandursache wirklich sehr offenbar Molotowcocktails: Als die Tagesschau ausgestrahlt wurde, gab es bereits Videos von der Brandstiftung im Netz und Fotos über die Agenturen. Ja, die "Euromaidanbewegung" hatte da gar über ihre "unabhängige Informationsquelle" (Eigenbeschreibung) "EuromaidanPR" schon in einem Video auf YouTube Brandopfer vorgezeigt unter dem Titel "Russian Terrorists were burned alive" [1].
Das Gebäude "geriet" also ganz offenbar nicht "in Brand", es wurde angezündet. Und die Menschen "kamen" auch nicht "ums Leben", sondern sie wurden, da die Brandleger offenbar wussten, daß sich Personen im Gebäude aufhalten, ermordet.

Gehen wir jetzt noch mal schnell zum Spiegel 31/2014, der mit dem "Stoppt Putin jetzt!"-Titel. Dort werden die Opfer des Absturzes von Flug MH17 gegen Putin instrumentalisiert. Es heißt dort:
"298 Unschuldige sind hier ermordet worden"
und
"Selbst nach dem Mord an 298 Menschen kam von Putin kein Wort der Distanzierung, der Entschuldigung."
Im selben Text heißt es aber auch:
"Der Abschuss von MH17 mag ein tragisches Versehen gewesen sein. Wer die Rakete abfeuerte, wollte vermutlich kein Verkehrsflugzeug treffen."
[2]
Menschen, bei denen davon auszugehen ist, daß sie bei einem tragischen Versehen ums Leben gekommen sind, wurden laut Spiegel also "ermordet". Menschen, bei denen davon auszugehen ist, daß sie ermordet wurden, sind laut Tagesschau "ums Leben gekommen". Und eine "unstreitig demokratisch legitimierte" Regierung ist in der Tagesschau auch mal ein "Regime".

Und damit noch mal zurück zur leicht verletzten Petra Sorge. Diese manipulierte Sprache, diese selbstwidersprüchlichen Aussagen, immer und immer wieder zu Gunsten der "atlantischen" Sichtweise - das ist keine Propaganda? Das sind alles nur einzelne, kleine Versehen, wie sie halt immer mal vorkommen? Gut, nehmen wir an, wir haben es hier tatsächlich nicht mit Propaganda zu tun. Wenn solche Fehler unterlaufen, dann ist allerdings die Mehrheit der Journalisten so komplett unprofessionell und inkompetent und ahnungslos in dem, was sie sagen, daß sie von politischer Berichterstattung lieber die Finger lassen sollte. Und satt dessen besser Discounterprospekte austragen.

Ich hoffe, dieser Vorwurf wirkt weniger verletzend als der mit der Propaganda.


[1] Ich verlinke das Video mal, wenn auch ungern. Ich möchte nachdrücklich darauf hinweisen, daß es nicht für sensible Menschen geeignet ist. Stattdessen empfehle ich lieber diese interessante Zusammenfassung.

[2] Kollege Nömix hatte schon vor einiger Zeit auf diesen merkwürdigen Umstand hingewiesen.

Montag, 11. August 2014

"Die regelmäßige Verjährungsfrist beträgt drei Jahre." *


SpOn, 16. Septemer 2011:
"Die USA haben der Türkei intensiv im Kampf gegen kurdische Rebellen geholfen: Luftbilder von Drohnen haben Hunderte Militärschläge ermöglicht, wie von WikiLeaks veröffentlichte US-Depeschen zeigen. Sie wecken auch den Verdacht, dass deutsche Informationen für die Bombardements genutzt wurden."
[link]
SpOn, 11. August 2014:
"Die USA haben mit direkten Waffenlieferungen an kurdische Kämpfer im Irak begonnen - das bestätigte eine Sprecherin des Außenministeriums. Die Militärhilfe läuft schon seit vergangener Woche."
[link]

Es könnte alles so einfach sein…

Schaltet man dieser Tage die Nachrichten ein, dann kann einen schon eine gewisse Verwirrung befallen. Nehmen wir nur den Irak. Der "Islamische Staat" bringe dort Jesiden um. Der "Islamische Staat", das sind Salafisten, so wie die, die Gottes Zorn schon ins Sauerland bringen wollten. Diese Salafisten sollen von den Wahhabiten Saudi-Arabiens unterstützt werden. Die wiederum sind Freunde des protestantischen Amerikas, da sie gemeinsam mit den USA gegen die Schiiten des Irans sind. Nun wollen die iranischen Schiiten die sunnitischen Salafisten umbringen, was die amerikanischen Protestanten, die die auch umbringen wollen, eigentlich ganz gut finden. Nicht gut finden die aber, wenn iranische Schiiten die schiitische Hisbollah unterstützen, weil die wiederum die jüdischen Israelis umbringen will.
Kurz, einem zivilisierten Christenmenschen fällt es immer schwerer, den Überblick darüber zu behalten, wer jetzt gerade wen umbringen will, und - noch wichtiger - wer dabei gerade die Guten und wer die Bösen sind! Das ist natürlich ein klarer Fall für den DWüdW-Leserservice! Da trifft es sich, daß DWüdW neben all den bekannten Forschungsgruppen auch den integrierten Exzellenzcluster "Monotheismus im Spiegel des Tötens" (MiST) beheimatet! So konnte DWüdW den Initiator des ganzen MiST-Clusters, Dr. Moses Meerteiler, dafür gewinnen, exklusiv für DWüdW-Leser eine übersichtliche Erklärung der ganzen involvierten Konfessionen zu erarbeiten.
Bitte, Dr. Meerteiler:

Liebe Leser,
um eine Übersicht über die auf den ersten Blick komplizierten Geflechte des Glaubens zu gewinnen, hilft es, sich zunächst den tiefen Unterschied zwischen dem Islam und dem Christentum anschaulich zu machen. Während die Christen, sagen wir mal, an den Osterhasen glauben, glauben die Muslime an den Weihnachtsmann. Und natürlich ist an den Weihnachtsmann glauben nicht gleich an den Weihnachtsmann glauben. So glauben die sunnitischen Muslime etwa an den Weihnachtsmann und daran, das Rudolph das Lieblingsrentier des Weihnachtsmanns ist. Die schiitischen Muslime glauben zwar auch an den Weihnachtsmann, aber nicht, daß Rudolph dessen Lieblingsrentier ist. Viel mehr glauben die, daß das wahre Lieblingsrentier des Weihnachtsmanns am 10. Oktober 680 n. Chr. brutal niedergemetzelt wurde. Dieses Niedermetzeln haben sie sich und den Sunniten bis heute nicht verziehen, während die Sunniten immer noch darauf beharren, daß es ja sowieso nicht das Lieblingsrentier gewesen sei. Daher mögen sich sie Schiiten und die Sunniten nicht besonders und bringen sich bei Gelegenheit auch gerne mal gegenseitig um.
Die Jesiden wiederum glauben nur so grob an den Weihnachtsmann. Auf jeden Fall glauben sie nicht, daß der Weihnachtsmann einen roten Mantel trägt und sie verehren auch noch Knecht Ruprecht. Für die Weihnachtsmanngläubigen sind sie damit Weihnachtsmannlästerer, die, um dem wahren Weihnachtsmann im roten Mantel eine Freude zu machen, alle umgebracht werden sollten.
Osterhasengläubige, die dies alles seltsam finden, sollten sich vor Augen halten, daß die Situation unter den Osterhasengläubigen ja auch nicht viel einfacher ist. Als katholischer Osterhasengläubiger glaubt man beispielsweise auch, daß der Osterhase einen Osterhasenstellvertreter auf Erden benannt hat, dessen Aufgabe darin besteht, dafür zu sorgen, daß zwischen den Menschen und dem Osterhasen alles im Reinen ist. Insbesondere soll der dafür sorgen, daß der Osterhase für die Menschen im Jenseits viele schöne Schokoeier versteckt.  Das glaubt man so zumindest, wenn man römisch-katholischer Osterhasengläubiger ist. Ist man eher so ein Oserhasengläubiger wie die Piusbrüder, dann glaubt man auch an einen Osterhasenstellvertreter, ist aber nicht mit dem in Rom einverstanden. Weil man glaubt, daß der Osterhase es gut findet, wenn man lateinisch redet, wenn man dabei ist, ein Stück pappigen Teiges zu essen. Dieses Stück Teig ist für alle Osterhasengläubigen sehr wichtig. Sie glauben nämlich nicht nur an den Osterhasen, sondern auch, man müsse den Osterhasen aufessen. Allerdings nicht in echt, sondern nur in Form eines veganen Hasenbratenersatzes - eine spirituelle Tofuwurst, sozusagen. Als protestantischer Osterhasengläubiger isst man natürlich auch diese Tofuwurst, sogar mit Wein dazu. Man glaubt aber nicht an den Osterhasenstellvertreter, der für die Menschen die Ostereier klar macht, sondern daran, daß der Osterhase allen Menschen genug Verstand mitgegeben hat, um - räusper - den Willen des Osterhasen selbst erkennen zu können. In der Praxis liegen die Unterschiede aber eher im Detail. Als katholischer Bischof etwa bekommt man Stress, wenn man sich auf Kosten der Osterhasengläubigen eine goldene Badewanne einbauen lässt. Als protestantische Bischöfin darf man sich gar nicht erst eine goldene Badewanne einbauen lassen, weshalb die dann Frustsaufen und mit dem auf Kosten der Osterhasengläubigen bestimmt nur spartanisch ausgestatteten Phaeton in eine Polizeikontrolle rauschen. Die Welt ist ungerecht, und Gerechtigkeit ist allein beim Osterhasen.
Bleiben noch die Juden. Die glauben irgendwie auch an den Osterhasen, schreiben das Wort "Osterhase" aber in komisch aussehenden Buchstaben von rechts nach links und lassen dabei die Vokale weg. Überhaupt sind die Juden im Weglassen ziemlich gut. Sie glauben nicht, daß man den Osterhasen essen sollte, nicht mal als symbolische Tofuwurst. Außerdem lassen sie Schweinegeschnetzeltes in Sahnesauce und die Spitzen ihrer Penisse weg. Das haben sie aber wiederum mit den Weihnachtsmanngläubigen gemeinsam - auch denen, die sie umbringen wollen.

Man sieht also: was auf den ersten, flüchtigen Blick unheimlich verwirrend aussieht, ist bei näherer Betrachtung alles vernünftig und durchweg nachvollziehbar. Zum Abschluss ist noch ein Hinweis darauf angebracht, daß es auch Menschen gibt, die weder an den Osterhasen noch an den Weihnachtsmann glauben. Solche Menschen nennt man Atheisten und sie essen keine Tofuwurst aber Schweinegeschnetzeltes. Ganz offensichtlich sind sie daher gefährliche, prinzipien- und morallose Gesellen, denen der Zugang zur Liebe des Weihnachtsmanns oder Osterhasen auf immer verschlossen bleiben muß. Am besten, man geht hart gegen sie vor oder bringt sie gleich um.

Möge Ihr Herr Sie segnen!


Anmerkung des Herausgebers:
DWüdW ist ein Ort der freien Meinungsäußerung, daher hat sich der Chefredakteur entschlossen, diesen Text zu veröffentlichen. Doch die Tatsche, daß in diesem Text gleich sieben Konfessionen gleichzeitig beleidigt werden, findet DWüdW falsch. DWüdW distanziert sich von diesen Aussagen und respektiert jede Religion, unabhängig davon, wen sie schon so alles umgebracht hat oder noch umzubringen gedenkt. Zum Trost  möchte DWüdW darauf hinweisen, daß Dr. Moses Meerteiler für seine Worte (völlig verdient!) in gleich sieben Höllen auf ewig wird büßen müssen! Ob nacheinander oder parallel, wird die ökumenische Theologie zu klären haben.

Samstag, 9. August 2014

Unendlicher Unsinn

Das Repertoire zum  Beeindrucken von Menschen durch Wahrscheinlichkeitsrechnung beinhaltet ja auch dieses Gedankenspiel vom Affen, der beliebig, ja unendlich lange auf einer Schreibmaschine herumhämmert und dabei irgendwann einmal Shakespeares komplette Werke zu Papier bringt, aus reinem Zufall.
Seitdem zwei Zweijährige gerade einmal 15 Minuten auf der Tastatur meines Laptops herumgehämmert haben weiß ich, das ist einfach nur Unsinn. Es braucht ganz erheblich weniger als unendlich lange - und schon ist die Tastatur kaputt!

Ich glaube, ich bin jetzt Bayesianer, und nicht mehr Frequentist

Dienstag, 5. August 2014

Zahlen in der Finsternis

Was sind das nur für Menschen? Jene Menschen, die tatsächlich die Nummer ihrer Pupsimarkt-Treuepunkte-Kundenkarte auswendig kennen? Als sei es nicht schon befremdlich genug, wenn Menschen sich offenbar so sehr über ein paar Treuepunkte freuen können, daß sie dafür ihren Groß-Einzelhandelskaufmann gerne über ihren ganz persönlichen Verbrauch an Zahnbürsten, Klopapier und Fusel auf dem Laufenden halten! Aber inzwischen begegnen mir an der Supermarktkasse immer häufiger Personen, die auf die Frage, ob sie denn eine Kundenkarte hätten, nicht erst langwierig und umständlich in ihren Sachen herumkramen müssen. Sondern die ihre, ich glaube neunstellige, Kundenkartennummer aus dem Effeff herunterrasseln können, auf daß die Kassiererin sie eintippen möge. Was sind das für Menschen? Wie muß man sich solche Leute in, sagen wir mal, vierzig Jahren vorstellen? Wenn der hirnorganische Verfall erst einmal genug Löcher in die graue Masse gefressen hat, werden sie sich nach einer Stunde nicht mal mehr erinnern können, ob sie ihren Frühstückshaferschleim aus der blauen oder der roten Schnabeltasse gelutscht haben. Aber das Langzeitgedächtnis verabschiedet sich als Letztes. Und so werden sie ihrer moldawischen Altenpflegerin nach jeder Pillenausgabe, das Gesicht von einem zahnlos zufriedenen Lächeln erfüllt, die Nummer ihrer jahrzehntelang gepflegten Treuepunkte-Kundenkarten vom Supermarkt zur Kenntnis geben...
Manchmal macht einen der Gedanke daran, was beim Einbruch der Dunkelheit vom menschlichen Leben bleibt, so unendlich traurig.

Samstag, 26. Juli 2014

Der Berg so hoch, die See so weit

Wer kann, vermeidet es ja, am frühen Nachmittag, in der größten, unerträglich schwülen Hitze, in der einem die Kleider schon nach einer Minute durchnässt an der Haut kleben, ins Freie zu gehen. Die Einheimischen auf jeden Fall können und tun es. Kein Wunder, daß die Straßen beinahe ausgestorben wirken. Höchstens Touristen sind so verrückt, freiwillig durch die Gegend und in Richtung Hitzschlag zu laufen. Daß die beiden jungen Damen, die mir entgegen kommen, Touristinnen sind, ist sehr offensichtlich. Allein schon die engen, ihrem spezifischen Körperbau, sagen wir mal: nicht hundertprozentig schmeichelnden Spagettitops mit freiem Blick auf blasse, erste Anzeichen von Sonnenrötung zeigende Schultern sind in dieser Hinsicht genauso gut wie ein blickendes "Vorsicht Touri"-Schild um den Hals. An der Kreuzung treffen wir uns und eine der Beiden spricht mich an:
"Schulligung, wir wollen zum Meer. Ist das noch weit?"
"Kommt darauf an, zu welchem Meer Sie wollen!"
Mein müder Scherz zündet überhaupt nicht, das sehe ich an ihrem deutlich irritierten Gesichtsausdruck. Also will ich es kurz machen:
"Da müssen Sie da runter, ist so ein knapper Kilometer vielleicht…"
Ihr Gesichtsausdruck wird noch irritierter:
"Müssen wir nicht eher da lang?", fragt sie und streckt ihren Zeigefinger in die entgegengesetzte Richtung. Ich frage mich, ob jetzt bei mir ein Scherz nicht so ganz zündet und bleibe vorsichtig: "Darunter geht es bergab und da lang geht es deutlich bergauf. In welcher Richtung würden Sie nach einem Meer suchen?"
Ich sehe schon, sie versteht wieder nicht, worauf ich hinaus will. Die Beiden müssen sich schon sehr verloren vorkommen, daß sie noch mit mir weiter reden. Sie versuchen es anders:
"Laut der Karte…" - an dieser Stelle hebt ihre Begleiterin triumphierend ein Smartphone hoch - "…müssen wir aber da lang!"
Die Zweite der Damen hält mir ihr Handydisplay mit irgendeinem Kartendienst drauf unter die Nase. Ihr Finger kreist über den kleinen Bildschirm, ihr Blick über die Landschaft und sie meint:
"Also wir sind jetzt irgendwo hier und dann müssen wir doch jetzt irgendwie nach da…"
Mein Gefühl sagt mir, daß die Zwei mich ohnehin schon für ein komplettes Arschloch halten, da treibe ich es mit dem Klugscheißen noch ein bisschen weiter:
"Wir sind auf der Nordhalbkugel. Da geht die Sonne im Osten auf und macht einen Bogen über Süden bis sie im Westen untergeht. Jetzt ist es kurz nach zwei und die Sonne steht da. Und das heißt, Sie sollten die Karte… - darf ich mal?"
Ich strecke meine Hand nach dem Handy aus und widerwillig, wirklich sehr, sehr widerwillig, gibt sie es mir.
"Das heißt, Sie sollten die Karte besser so rum halten."
Ich drehe das Telefon und gebe es ihr zurück. Ok. Gut. Das ist mein Fehler jetzt, keine Frage. Wo ich selbst gar kein Telefon besitze, ist es mir nicht immer gegenwärtig, daß diese Smartphones irgendwie immer wissen, wie rum sie gerade gehalten werden. Die Dame blickt erst auf die für sie völlig unveränderte Karte auf dem umgedrehten Handy und dann in mein Gesicht. Da weiß ich, sie hält mich nicht für ein komplettes Arschloch. Sie hält mich für einen kompletten Irren, bei dem sie sich noch unsicher ist, ob er gefährlich ist oder nicht. Ich versuche es versöhnlich:
"Sie müssen das Handy einfach schnell genug im Kreis drehen. Und dabei in diese Richtung gehen."
"Gut, ja, tschüss!"
Die Beiden laufen tatsächlich über die Straße in die von mir angezeigte Richtung. Zu meiner Enttäuschung tun sie das aber nur, weil sie auf der anderen Seite noch einen anderen Passanten entdeckt haben, auf den sie erleichtert direkt zusteuern. Das ist ja sowieso meine Richtung, da gehe ich gleich hinterher und bekomme so noch ein paar Gesprächsfetzen mit:
"Wir suchen das Meer, wissen Sie, wo wir da lang müssen?"
"Äh, also, ich bin auch nicht von hier. Aber ich glaube, da müsst Ihr da lang."
Er zeigt den Berg hinauf.

Als ich mich kurz darauf noch mal umdrehe, sehe ich Beiden beschwingt den Anstieg in Angriff nehmen.

An manchen Tagen frage ich mich schon, woher meine Kommunikationsprobleme mit meiner Umwelt eigentlich kommen.

Donnerstag, 24. Juli 2014

Das Leben - ein Geduldspiel

Und da schien mir die Frau Merkel immer so ruhig und ausgeglichen… Aber gut, jeder verliert mal die Geduld, gell?

Eben. Aber sowas verbindet doch auch, oder nicht?

Wenn jetzt die Herrschaften in Moskau und Obama die Geduld mit dem Iran verloren haben, dann...

Oh verdammt, so werden die doch keine Freunde! Aber immerhin:

Dann können doch die EU und Amerika miteinander...

Och Möönsch! So wird das doch nix…!

Wie, die Chinesen jetzt auch noch? Alle auf Europa, oder wie??

So, das haben die jetzt davon!

Neiiiin! Das wird jetzt doch ein bisschen viel! Mann!


So! Diese Bergeuropäer sind ja eh' keine wahren Europäer!

Nimm das, Assas! 

Und das, Microsoft!
Ohmannomann! Bis wir in dem Tempo die Welt durch haben… Da verliere ich eher die Geduld. Und überhaupt, wer ist dieses ungeduldige Europa eigentlich?
Ja, is' klar.
Ok, die gehört ja auch dazu...

Der auch? Oha, dann wird's aber ernst!
Ja, der natürlich auch, der Mustereuropäer.


Was? Neinneinnein! Die haben in Europa aber überhaupt gar nichts verloren! Nicht mal die Geduld!
Also, das nimmt ja Ausmaße an! Man müßte dringend mal mehr Geduld lernen! Moment - was steht da in der Apotheken Umschau?


Wer hätte je vermutet, daß der Weg zu einer besseren Welt einmal ausgerechnet von der Apotheken Umschau aufgezeigt wird?

Samstag, 19. Juli 2014

Ein Sommernachtsalbtraum

Du meine Güte, es kann ich trotz der späten Stunde nicht mehr länger an mich halten und muß mich zum Absturz von Flug MH17 über der Ostukraine ausbreiten. Nicht, daß ich irgend etwas darüber wüßte. Das Problem ist nur, daß auch sonst keiner viel mehr darüber weiß. Dennoch kommen allerorten die Kommentatoren zu dem Schluß, alle Indizien sprächen dafür, daß die Rebellen in der Ostukraine, unterstützt von Russland, den Abschuss der Passagiermaschine zu verantworten hätten. "Noch sind es Indizien, doch sie sind erdrückend: Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass prorussische Separatisten hinter dem Absturz von Flug MH17 stecken, dann muss Russland die volle Wucht der Sanktionen treffen - auch und gerade aus Europa.", schreibt es Herr Kornelius in der Süddeutschen, bei der Zeit lief's genauso: "Indizien deuten darauf hin: Von Russland unterstützte Separatisten haben das Passagierflugzeug in der Ukraine abgeschossen. Der Konflikt erreicht damit eine neue Stufe." Und ich bin schon zu müde, um all die anderen Äußerungen in dieselbe Richtung herauszusuchen. Das Problem ist nur, all das stimmt nicht. Man kann all die Indizien, von denen ich im Laufe des Tages gelesen habe, problemlos auch in die andere Richtung interpretieren, wenn man denn will - daß der Abschuss von der ukrainischen Armee zu verantworten ist. Niemand aber scheint dies zu wollen.
Hier also ein kleines Gedankenspiel. Ich will keinesfalls behaupten, es sei wirklich so gewesen wie im Folgenden dargelegt. Ich will nur sagen, daß des nach allen gegeben Indizien genauso gut auch so hätte gewesen sein können:

Ein wichtiger Punkt in der Schuldzuweisung an die Rebellen ist eine Mitteilung in russischen sozialen Netzen, in denen eine Rebellenkommandant den Abschuss eines ukrainischen Militärflugzeugs ungefähr zu der Zeit und in der Gegend vermeldet hat, in der Flug MH17 abgeschossen wurde. Dabei sprechen die Rebellen aber ausdrücklich vom Abschuss einer Antonow-26. Man muß nur bei der Wikipedia nachschlagen um zu sehen, daß eine Antonow-26, eine kleine Propellermaschine, niemals so hoch und so schnell fliegen würde wie die Boeing 777 des Fluges MH17. Sie ist zudem gerade mal halb so groß wie die Boeing, und deren Kurs in großer Höhe in Richtung russisches Territorium ist für eine ukrainische Militärmaschine auch nicht gerade naheliegend. Nehmen wir also mal an, daß die Rebellen nicht vom Abschuss einer An-26 geredet haben, weil sie eine Boeing 777 damit verwechselt haben, sondern weil sie auf eine Antonow-26 geschossen haben. Das haben sie zuvor ja auch schon getan, vor kurzem sogar erfolgreich. Nur dieses Mal haben sie die Maschine nicht abgeschossen.

Nehmen wir weiter an, daß die ukrainische Armee tatsächlich, wie von russischer Seite behauptet, viele Flugabwehrraketen in die Ostukraine verlegt hat. Das würde durchaus Sinn ergeben. Nicht, weil die Rebellen über eine Luftwaffe verfügen würden. Aber weil die Westukraine immer wieder auf die Gefahr einer russischen Invasion hinweist und Russland schon des Abschusses ukrainischer Flugzeuge beschuldigt hat. Die ukrainische Flugabwehr richtet sich gegen Russland. Nun wurde ein ukrainisches Flugzeug beschossen, und die ukrainische Luftabwehr hält nach möglichen russischen Unterstützen Ausschau. Und sie hält den zufällig gerade vorbei kommenden Flug MH17 für ein russisches Spionageflugzeug, das den fehlgeschlagenen Angriff auf die ukrainische Maschine koordiniert hat. Eine solche Verwechslung mag dilettantisch klingen. Aber vielleicht ist es auch nicht unwahrscheinlicher, daß eine dilettantische ukrainische Luftabwehr eine schnell und hoch fliegendes Flugzeug mit Kurs auf Russland für ein Spionageflugzeug hält, als daß eine dilettantische Rebellenflugabwehr ein schnell und hoch fliegendes, großes Flugzeug mit Kurs auf Russland für eine ukrainische Propellermaschine hält?
Nehmen wir also an, die ukrainische Armee schießt in einem katastrophalen Fehler die Boeing kurz nach dem Angriff auf die Antonow ab.
Augenzeugen sehen Raketen und ein getroffenes Flugzeug abstürzen, und die Rebellen bekommen das auch mit. Was sollen die wohl glauben? Sie selber haben keine Flugzeuge, sie selbst sind also ihrer Meinung nach die einzigen, die in der Gegend auf Flugzeuge schießen. Also müssen sie glauben, daß sie die Antonow doch noch erwischt haben. Daß sie Gegenseite beliebige Flugzeuge abschießen könnte, fällt ihnen nicht ein. Also verkünden sie über soziale Medien den Abschuss der Antonow, auf die sie geschossen haben, und machen sich auf dem Weg zur Absturzstelle um Wrack und Besatzung zu finden. Dort angekommen merken sie aber bald, daß keine Antonow-26 runtergekommen ist, sondern ein großes Verkehrsflugzeug. Und dann bekommen die Rebellen das große Sausen, denn sie denken, sie selbst hätten ein falsches Flugzeug abgeschossen. Denn sie glauben ja, sie seien die Einzigen, die in der Gegend auf Flugzeuge schießen. Also löschen sie die Meldungen eines Abschusses wieder und versuchen erst mal still zu halten. Bis sie dann erfahren, daß das Flugzeug in einer Höhe von gut 10 000 Metern abgeschossen wurde. Da sollte ihnen dann klar geworden sein, daß nicht sie den Abschuss zu verantworten haben. Bei ihnen sollte die Erleichterung enorm gewesen sein. Bei der ukrainischen Seite wird die Stimmung nicht so gut sein. Aber sie freuen sich, daß die Rebellen es durch ihr Verhalten so leicht gemacht haben, ihnen die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Gut, soweit ist das alles reine Spekulation. Aber als Spekulation ist sie auch nicht schlechter als die meisten anderen Spekulationen. Diese Variante erklärt das Auftauchen und Verschwinden von Einträgen in sozialen Netzwerken. Der Irrtum beim Abschuss ist auch nicht schwerer nachvollziehbar als in anderen Varianten. Und anstatt lange spekulative Theorien darüber zu entwerfen, ob die Rebellen überhaupt geeignete Waffen verfügbar haben könnten, um einen Fehler zu machen, liegt der Fehler hier bei der Seite, von der man weiß, daß sie viele solche Waffen hat - und einen solchen Fehler schon einmal gemacht haben. Es ist eine ökonomische Erklärung, diese ganze Sub-Diskussion fällt weg. Es ist auch egal, ob veröffentlichte Telefonate von Rebellen zum Abschuss echt sind oder nicht. Denn sie müssen ja zu diesem Zeitpunkt davon ausgegangen sein, daß sie selbst die Täter sind, selbst wenn sie damit gar nichts zu tun hatten.

Und deshalb meine ich, die Schuldzuweisungen an von Russland unterstützte Rebellen nur einen Tag nach dem Absturz hat nichts mit der Lage der Indizien zu tun. Sie liegt nur daran, daß man an den gegenteiligen Fall gar nicht erst denken möchte: Daß nämlich eine vom Westen unterstützte und in einen Krieg gegen Teile des eigenen Landes getriebene, völlig überforderte ukrainische Armee verheerende Fehler machen könnte.
Und wer immer sich als Schuldiger rausstellen sollte - den ekelhaften Geschmack der propagandistischen Vorverurteilung wird diese Angelegenheit nicht mehr los werden.