Sonntag, 2. August 2015

Laberflash

Die Herkunft verrät viel über einen, sehr viel. Sagt etwa jemand, er komme aus Köln, dann weiß man sofort: Schwul, Gabi oder was mit Medien. Oder alles zusammen. Hört man "Ich komme aus Berlin", dann ist sofort klar: Der ist doppelt so weltläufig wie ich und halb so weltläufig wie er meint. So trägt jeder so seine Bürde mit sich herum. Das Schlimmste, das Allerschlimmste, was man aber als Herkunft angeben kann ist - nein, nicht Magdeburg. Da kann man zumindest noch ohne unangemessen zu erscheinen ein "Tut mir leid, das zu hören" erwidern. Nein, das Schlimmste ist, sagen zu müssen: "Ich komme aus der Eifel". Vielleicht muss man das für die jungen Menschen in den Neuen Ländern erläutern, aus der Eifel dringt ja nicht viel nach außen. Die Eifel ist…, wie soll man das erklären? Also, die NATO nutze die Eifel gerne als Truppenübungsplatz und zum Abladen von Atombomben. Das ist so ziemlich die konstruktivste und lebensbejahendste Verwendung, die man sich denken kann für dieses elende Stück Land im Toten Winkel des Weltgeists, über das man ja vieles sagen kann, nur nicht, daß die Bauern da keine dicken Kartoffeln hätten. Nein, ich komme nicht aus der Eifel! Die Gegend, aus der ich komme, gehört nicht zur Eifel! Wirklich!
Aber gut, mit der Herkunft ist es ja letztlich wie mit einem kleinen Penis oder Chlamydien, man sucht sich's nicht aus. Und umgehen kann man damit ganz genauso: Man selbst redet nicht darüber, die Kollegen auf der Arbeit, die es im Rahmen der ein oder anderen Betriebsweihnachtsfeier mitbekommen haben, sprechen es nicht an, man schweigt einfach darüber hinweg. Eine solche Strategie funktioniert natürlich nicht, wenn man einen besonders ekligen Lebenslauf eingeschlagen hat und in die Politik gegangen ist. Dann muss man seiner Heimat verbunden sein. Das erzwingt schon das dämliche deutsche Wahlsystem. Jeder Wahlkreis wird durch einen Abgeordneten persönlich vertreten - das perfide Programm, Provinzialität und Geklüngel in der Bundespolitik festzuschreiben. So macht sich schon mal eine CDU-Größe für Waffengeschäfte stark weil Heckler und Koch in seinem Wahlkreis sitzt. An denen verdienen die Menschen im Wahlkreis und das Stimmvieh da soll einen ja schliesslich wieder wählen. Wenn's besonders eklig kommt, dann landet man bei Andrea Nahles. Die kommt aus der Eifel. Ihre Strategie besteht darin, ständig, in einer Tour zu betonen, daß sie aus der Eifel kommt. Dieser offensive Umgang mit der Herkunft nimmt dummen Kommentaren gleich den Wind aus den Segeln. Gut, dadurch wirkt man wie eine aufgedrehte Landpomeranze, aber die Deutschen schätzen ein ländliches Gemüt als bodenständig, man denke nur an Angela "Kartoffelsuppe" Merkel.

Eine wirklich verblüffende Tatsache für kommende Generationen von Literaturwissenschaftlern wird sein, daß im frühen 21. Jahrhundert ausgerechnet das literarische Genre der servilen Hofdichtung eine ausgesprochene Blühte erlebte. Keine Person von Einfluß, Politiker der Manager, der die Medien kein schleimtriefendes Hohelied gesungen hätten. Heute war Andrea Nahles dran, in der Welt! Ja, die Welt hat einer Vertreterin des linken Flügels der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands eine speichelleckerische Hymne gesungen! Da versteht man plötzlich die ganzen AfDler, die den Linksruck der rot-grün-versifften Gutmenschenrepublik beklagten, wenn auch noch die Welt sowas tut! Allerdings folgt die schmierige Journalismusattrappe auf die Überschrift Mehr als die Eifel liebt Andrea Nahles nur Jesus! Da kommen einem dann doch Zweifel, wer eigentlich wohin gerückt ist.
Andrea Nahles liebt also Jesus, die Eifel und Schuld hat nur das deutsche Wahlsystem! So, und jetzt soll noch einer behaupten, man würde zu träge, um seinen drogeninduzierten Gedankenfluss einmal schriftlich festzuhalten! Ich ziehe mir jetzt noch eine Packung Kartoffelchips, eine Packung Vanilleis und die verbliebenen Sniggers rein und schlafe dann selig ein… Bis morgen!

Samstag, 25. Juli 2015

Der lange Urlaub vom Krieg

Heute Abend hatte ich eine interessante Begegnung auf dem Spielplatz. Dort war ein Mann mit einem kleinen Jungen, die Russisch miteinander sprachen. Und da ich selbst gerade in russischsprachiger Begleitung unterwegs war, kam es zu eine Unterhaltung. Es stellte sich heraus, daß der Mann Ukrainer aus Donezk war, der mit seiner Frau und seinem dreijährigen Sohn vor dem Bürgerkrieg nach Spanien geflohen ist. Die Gelegenheit, Fragen zum Krieg in der Ukraine mal einer betroffenen Person zu stellen, musste ich dann doch nutzen, und ich will das Gespräch hier einfach mal zusammenfassen.
Der besseren Struktur wegen gebe es in Form von Frage und Antwort wieder, auch wenn es kein Interview war, sondern ein normales Gespräch, das ich selbst übersetzt bekommen habe und jetzt aus der Erinnerung aufschreibe. Das ist zwar kein Qualitätsjournalismus, aber hey, das hier ist ja auch nur eines von diesen Blogs, da geht das in Ordnung. Ich bemühe mich, die Aussagen des Herrn inhaltlich so genau wiederzugeben, wie mir das unter den Umständen halt möglich ist.


Wie kommt man denn aus Donezk nach Spanien?

Wir sind nach Kiew gefahren und haben da eine Pauschalreise nach Spanien gebucht. Mit dem Touristenvisum kann man nach Spanien einreisen und da kann man, seit das Internationale Rote Kreuz die Situation in der Ostukraine als "Bewaffneten Konflikt" eingestuft hat, einen Flüchtlingsstatus beantragen. Die Entscheidung darüber kann sich Jahre hinziehen, aber solange wird man geduldet.

Woher wussten Sie, daß das so relativ einfach geht?

Vor ein paar Monaten, als wir gekommen sind, ging das noch so einfach. Inzwischen ist auch Spanien strenger mit der Vergabe von Touristenvisa. Bisher gelang es Verwandten von mir nicht, auf die gleiche Weise nachzukommen. Bekannte, die schon lange in Spanien leben, hatten uns zu diesem Vorgehen geraten.

Sind viele Menschen aus der Ostukraine geflohen?

Ja, sehr viele. Es würde mich nicht wundern wenn die Hälfte der Einwohner die Ostukraine verlassen hat. Es bleibt nur, wer gar keine andere Möglichkeit hat.

Wie ist das Leben in Donezk gewesen?

Wie man sich das auch hier vorstellt. Wir haben auch Nächte im Keller verbracht und ich mußte auch manchmal auf der Arbeit unter den Schreibtisch krabbeln, wenn Granaten ein der Nähe einschlugen.

Glauben Sie, daß der Krieg in der Ostukraine von Russland aus gesteuert wird?

Naja, teils teils. Auf jeden Fall unterstützt Russland die Volksrepubliken Donezk und Lugansk. Alleine hätten die Einheimischen nicht so lange durchhalten können. Im russischen Fernsehen erklären sie immer, die Volksrepubliken würden mit Waffen kämpfen, die sie aus Beständen der ukrainischen Armee erbeutet hätten. Aber selbst wenn das stimmt, woher haben sie die Munition, um so lange Krieg zu führen? Ganz sicher unterstützt Russland die Volksrepubliken mit Material und vielleicht auch organisatorisch. Aber was man im ukrainischen Fernsehen hört, daß die Ukraine gegen reguläre russische Einheiten kämpfen würde, das ist Quatsch. Ich selbst jedenfalls habe nie etwas von regulären russischen Truppen mitbekommen und glaube auch nicht, daß es die in der Ukraine gibt.

Wird der Krieg bald vorbei sein?

Nein. Es wird so leicht keine Versöhnung mit Kiew geben, dazu ist schon zu viel passiert und es sind zu viele Menschen in diesem Krieg getötet worden.

Russland könnte eine militärische Entscheidung zugunsten der Volksrepubliken forcieren?

Russland braucht eine Pufferzone zwischen sich und der NATO. Solange der Krieg in der Ukraine andauert, wird sie nicht der NATO beitreten. Und die NATO wird die Ukraine nicht so leicht aufgeben. Der Krieg wird noch sehr lange dauern.

Wie soll es für Sie jetzt weiter gehen?

Nach einem halben Jahr Duldung bekommt man in Spanien eine Arbeitserlaubnis. Bis dahin wollen meine Frau und ich Spanisch gelernt haben und wir hoffen, eine Arbeit zu finden.

Die Lage auf dem spanischen Arbeitsmarkt ist zur Zeit nicht gerade rosig?

Ja, ich weiß, aber eine andere Möglichkeit bleibt uns nicht.

Samstag, 18. Juli 2015

Sommer 15

Es ist gar nicht so leicht zu sagen, was am ehesten Deutschland im Sommer 2015 darstellt. Ist es eine Boulevardzeitung, die die Kanzlerin mit Pickelhaube abbildet - und das nicht als Beleidigung, sondern als Ansporn meint? Ist es ein CDU-Politiker, der die vollständige Entmündigung und Demütigung eines anderen EU-Landes mit den Worten "Der Grieche hat jetzt lang genug genervt" kommentiert? Oder ist es die Kanzlerin Merkel selbst, die erst einem Flüchtlingsmädchen mit dem deutschesten aller möglichen Argumente - Wo kämen wir hin, wenn das alle machen würden?! - erklärt, daß es in Deutschland nun mal keinen Platz für sie gibt. Und es, wenn es zu weinen beginnt, damit tröstet, daß es doch für die Kamera alles prima gemacht hätte?
Das finde ich alles zwar recht passend, aber es fehlt dabei das Sommerliche für Deutschland im heißen Sommer 2015. Aber dann habe ich ein Werbebanner mit Reklame für Katzenfutter gesehen. Für Delikates-Katzenfutter. Mit einer fetten weißen Katze auf einer Jacht.
2015 sind schon Tausende von Menschen im Mittelmeer ertrunken beim Versuch, ein winziges Stückchen vom europäischen Wohlstand abzubekommen. Und wir haben auf einer Jacht auf Kissen gebettete Katzen, die mit Fischer's Delikatessen ("Zander mit Zucchini") gefüttert werden sollen. Auch das ist Deutschland im Sommer 2015...

Dienstag, 7. Juli 2015

Von Afrika lernen

Ein Bekannter von mir ging einmal für einige Zeit beruflich und im Dienste eines ausländischen Unternehmens in die Elfenbeinküste. Zu den größten kulturellen Verständigungsproblemen gehörte dabei Verhältnis zu Hauspersonal. Andere Menschen zur Erledigung persönlicher Angelegenheiten einzustellen widerstrebte ihm zutiefst, er und seine mitgereiste Gattin empfanden es als dekadent und überheblich. Als sie keine Putzfrau einstellen und das Haus wie daheim selbst sauber halten wollten, eskalierte die Beziehung zu den Einheimischen. Sie wurden beschimpft, bedroht, es wurde vor ihnen ausgespuckt. Die Beiden fühlten sich sehr unwohl und konnten nicht mehr ruhig schlafen. Denn die Elfenbeinküstler hatten in dieser Hinsicht ein ganz anderes Verständnis. Die Weißen waren für sie Reiche - und gemessen an den Einkommensverhältnissen dort war der Haushalt meines Bekannten tatsächlich schwer reich. Und es war nicht das Privileg der Reichen, Hauspersonal einzustellen, sondern ihre gesellschaftliche Pflicht. Es war ein Weg, die Bevölkerung am Reichtum teilhaben zu lassen, indem man ihnen eine Gelegenheit zur Erwerbsarbeit bot. Dabei gab es ziemlich klare Vorstellungen, wieviel Personal bei einem gewissen Reichtum angemessen war. Eine Putzfrau war das mindeste. Je reicher jemand war, desto mehr Personal kam hinzu, ein Koch, ein Gärtner, irgendwann noch ein Chauffeur. Erst als die Bekannten ihrer gesellschaftliche Verantwortung nachkamen und eine Putzfrau bzw. Putzmann einstellten und einen Jungen bezahlten, für sie die Einkäufe zu erledigen, beruhigte sich die Lage wieder.
Die Beiden arrangierten sich mit den Umständen, die sie für einen Ausdruck einer ökonomisch wenig entwickelten Gesellschaft hielten. Dabei gilt das gleiche Denkmuster in einer weniger persönlichen, abstrakteren Variante auch in Europa: Es ist das beliebte Argument, wenn die Reichen nur immer reicher würden, dann wäre das am Ende für alle gut. Denn der Reichtum würde nach unten durchsickern, es entstünden Arbeitsplätze, am Ende profitierten alle. Nur hat der Weiße Mann respektive die Weiße Frau sich einreden lassen, dies geschehe automatisch. Sie müßten nur geduldig abwarten und immer fleissig sein, dann käme der bescheidene Wohlstand irgendwann auch bei ihnen an. Der Schwarze Mann in der Elfenbeinküste dagegen glaubt ganz offensichtlich nicht an einen Automatismus wenn es um die Erfüllung implizierter sozialer Verpflichtungen der Reichen geht. Anders als in Europa ist es dort der Bevölkerung dort völlig klar, daß es im Zweifel wenig subtilen gesellschaftlichen Drucks bedarf, um den Anspruch auf den eigenen Anteil am Wohlstand durchzusetzen.
Wo wohnen wohl die Doofen?

Sonntag, 28. Juni 2015

Gottes lausige Schöpfung

Es gibt nicht besonders viele Entscheidungen in meinem Leben, von denen ich im Nachhinein sagen würde, sie seien uneingeschränkt richtig gewesen. Eigentlich sogar erstaunlich wenige… Hm, vielleicht sollte ich besser nicht allzu sehr darüber nachdenken. Aber eine der wenigen eindeutigen Ausnahmen ist die schon in jungen Jahren getroffene Entscheidung, mir das Haupthaar abzurasieren. Käme ich aus der ostdeutschen Provinz, ein solcher Schritt wäre wohl voll im abstoßenden Mainstream gewesen. In meinem Umfeld dagegen fiel es auf (und ich war auch bei Menschen, die mich kannten, immer jeglicher Sympathie für rechtes Gedankengut unverdächtig). Und die Vorteile, die diese Entscheidung mit sich brachte, zeigten sich schnell und deutlich.
Zuerst einmal, ein kahler Kopf macht einen Mann einfach ungemein sexy! Jaja, ich weiß, dies ist für gewöhnlich ein umstrittener Punkt. Ich kenne das verächtliche Schnauben der Haarträger an dieser Stelle. Aber glücklicherweise ist dies eine Frage, die sich jetzt und hier schnell und eindeutig klären läßt. Hier: A, B oder C? Finde den Sex!
In diesem Punkt sollten wir uns also einig geworden sein. Die übrigen Punkte sind dagegen unstrittig:
Egal ob Regen oder Wind, egal ob man gerade aus der Dusche oder dem Bett kommt, die Haare liegen einfach immer perfekt! Außerdem spart man durch den richtigen Haarschnitt eine Menge Zeit und Geld. Und zu Zeiten, in denen der Frisör für keine 10 Minuten schnippeln mehr Geld sehen wollte als ich die ganze Woche für's Mittagessen ausgab, war diese Ersparnis durchaus wesentlich.
Ein weiterer Vorteil kommt mit dem Alter hinzu. Da werden die Haare allmählich dünner. Doch praktischer Weise gibt es niemanden mehr, der noch wüßte, wie ich mit Haaren aussah. Nicht einmal ich selbst erinnere mich noch so recht daran. Da ist Haarausfall auch kein Thema!
Der letzte und größte Vorteil aber zeigt sich erst, wenn die Kinder in den Kindergarten gehen: Man muß keine Angst vor Läusen haben!

Ja, ich kann mich auch nicht erinnern, daß zu meiner Kindergarten- und Schulzeit Läuse ein Thema gewesen wären. Und die Mutter meiner Kinder ging zwar in einer ganz anderen Ecke in den Kindergarten, kann sich aber auch nicht an Läuse erinnern. Und der Apotheker, der uns die Läusekur verkaufte, meinte, er könne sich auch nicht daran erinnern, vor 20 Jahren Läusemittel verkauft zu haben. Vielleicht ist die Rückkehr der Läuse, wie die Rückkehr der Suppenküchen oder der Tagelöhner, einfach ein weiteres Symptom der gesellschaftlichen de-Evolution in Europa. Auf jeden Fall aber zupft die Mama nun sich und den Kleinen verzweifelt bis dezent hysterisch in den Haaren herum. Mich selber läßt dieses Problem hingegen irgendwie kalt. Und so kann ich währenddessen einfach dasitzen und mir so meine Gedanken machen. Z.B. darüber, daß die Kopflaus ausschließlich den Menschen befällt, und keine Tiere. Als Mensch mit eher materialistischem Weltbild würde ich ja sagen, daß sich die Kopflaus Pediculus capitis evolutionär halt auf einen einzigen Wirt, eben homo sapiens, spezialisiert hat. Von einem religiös-kreationistsischem Standpunkt aus ist die Laus dagegen sehr viel spannender: Offenbar hat der liebende Herrgott in seiner unergründlichen Weisheit ein Wesen geschaffen, das allein auf dem menschlichen Kopf lebt, nirgends sonst, um dort durch das Einspeicheln von in die Haut geritzten Wunden Juckreiz auszulösen. Na schönen Dank auch! Aber wenn Gott ganz offenbar will, das Läuse des Menschen Haupt bevölkern, ist dann nicht die Läusebekämpfung ein Frevel gegen Gottes Schöpfung?
Als ich der Mama, sie war mit Tränen in den Augen kurz davor, ihrer verblüfften Tochter ein Glas Mayonnaise in die Haare zu schmieren (darin sollen Läuse angeblich ersticken), aus dem Hintergrund des Raumes diese Gedanken zur Diskussion hinwarf, schrie diese aber nur gereizt in meine Richtung:
"Seh' ich vielleicht aus wie irgend so ein verkackter Jesus-Freak!?!"
Die doch eher direkte Wortwahl in diesem Moment sollte man mit Blick auf ihren emotional etwas angefassten Zustand entschuldigen. Aber eine Person, die auch in der Stunde der Not und des Kummers ihre Hoffnung immer noch lieber auf ein Glas Mayonnaise setzt als auf Gott - die hat man doch wirklich gerne um sich!

Freitag, 26. Juni 2015

Zeit für Vertrauen

Eigentlich bin ich ja inzwischen recht abgestumpft was dümmliche Medienbeiträge angeht. Es sind einfach zu viele, da kann man sich ja nicht über jeden einzelnen aufregen, das wäre gar nicht gesund! Manchmal aber finde ich doch noch einen, bei dem alle Bemühungen um Gelassenheit (bzw., seinen wir ehrlich: Gleichgültigkeit) scheitern. So wie heute. So wie bei der Zeit und diesem Machwerk hier:
Klingt als Thema ja spannend:
"Seid ihr eigentlich unabhängig? Recherchiert ihr wirklich? Aus welchen Quellen stammen eure Informationen? Wir sind also selbst angesprochen, und deshalb ist dieser Text eine Art teilnehmende Beobachtung: Woher kommt die Wut? Wohin führt der Vertrauensverlust? Und: Was kann man dagegen tun?"
Da bin ich ja dabei! Aber erst mal lassen wir die Faktenlage klären:
"Viele wichtige Zeitungen und Sender haben in den letzten Jahren in Qualität investiert, trotz der Anzeigen- und Auflagenkrise. Es werden heute mehr investigative Reporter beschäftigt denn je, und viele Reportagen verbinden mittlerweile faktenreichen Journalismus mit einer wunderbaren Sprache."
Ah, ich seh' schon, eigentlich gibt es nix zu meckern!
"Zudem haben sich Redaktionen neue Codes of Ethics gegeben, auch ZEIT und ZEIT Online, um nach innen und außen zu dokumentieren, wie sie ihre Unabhängigkeit wahren. Wer also den Journalismus pauschal schlechtredet oder nur noch Untergang sieht, der liegt falsch."
Ist klar, hab' verstanden, im Grunde alles rosig, es geht halt nur um Detailfragen. Sprechen wir die nach dem Eigenlob mal knallhart an:
"Wahr ist aber auch, dass Journalisten in den vergangenen Jahren in entscheidenden Momenten versagt haben."
Und zwar, wo haben sie versagt?
"Vor und während des US-Einmarschs im Irak etwa. Damals, 2003, gaben viele, vor allem amerikanische Medien im Grunde nur US-Regierungspropaganda wieder – und zogen mental mit in den Krieg."
Vor allem die amerikanischen Medien haben also versagt. Naja, ok, vielleicht doch noch ein Beispiel für das Versagen deutscher Medien?
"Nicht vergessen ist auch, dass einige Journalisten die Exzesse, die der Finanzkrise im Jahr 2008 vorangingen, zwar untersucht und kritisiert haben. Aber den großen Crash sahen auch sie nicht kommen."
Aha. Untersucht und kritisiert haben sie zwar schon, aber versagt dann doch, weil sie nicht hellsichtiger als alle anderen waren? Hm, ja, das ist wahre Strenge gegen sich selbst! Bravo! Das war's dann allerdings auch erst mal mit den Beispielen.
"Nun haben Redaktionen aus ihren Fehlern gelernt,  […]."
Praktisch, sich seinen Lernfortschritt selbst zu bescheinigen! Immer wenn ich das versuche, kauft man's mir nicht ab, war schon auf der Schule so...
"Aber die Fehler von damals wirken nach. Viel von der Kritik, ja dem Hass, den die Ukraine-Berichterstattung hervorgerufen hat, erklärt sich vermutlich auch daraus."
Die Kritik an, ja der Hass durch die Ukraine-Berichterstattung erklärt sich durch das Verhalten amerikanischer Medien während des Irakkrieges 2003 und die Nichtvorhersage der Finanzkrise?
Ja, nach sehr gründlicher Überlegung klingt das absolut einleuchtend! Wobei - nach einem klitzekleinen bisschen mehr Überlegen kommt mir noch eine andere Erklärungsmöglichkeit in den Sinn: Viel von der Kritik an der Ukraine-Berichterstattung könnte sich auch aus Fehlern in der Ukraine-Berichterstattung erklären? Ja? Jaaa?
"Aber es sind nicht nur alte Fehler, die das Vertrauen schwinden lassen, es kommt noch etwas anderes, Gegenwärtiges hinzu:"
Ah, jaaaa! Nämlich...?
"die tägliche Skandalisierung."
Oh. Hm. Jetzt gleich zum Thema German Wings-Absturz?
"Die Klickzahlen der Nachrichtenseiten schossen in die Höhe, und in den Tagen danach verkauften sich die Boulevardzeitungen besonders gut, die Einzelheiten über den Co-Piloten und dessen Krankengeschichte liefern konnten."
Man ahnt schon, wohin das führen soll: Der Leser ist schuld!
"Es gibt also, paradoxerweise, eine maßlose Lust am Skandal – und zugleich eine weit verbreitete Enttäuschung über die Medien, die diese Lust bedienen."
Der Leser will es und beschimpft die Medien, wenn sie es ihm geben! Immerhin, das angerissene Thema Fehler der Journalisten, etwa in der Ukraine-Berichterstattung, haben wir damit elegant und komplett abgehackt. Aber ich wage jetzt mal einen ganz ausgefallenen Gedankengang:
Wenn der Journalismus auf Ethik pfeifen und den Lesern einfach Skandale und persönliches Klein-Klein liefern muß, weil es nun mal das ist, wonach der Leser verlangt - ja, sollten die Journalisten dann nicht einfach auch mal ein paar Loblieder auf Russland und Putin schreiben? Denn wie sie am ganzen Protest in den Kommentaren unter ihren Artikeln merken, ist es doch das, was eine ganze Masse von Lesern offenbar haben will? Einfach mal auf die NATO schimpfen und Putins Politik auch mal loben, das wird Altleser neu begeistern und neue Leser anlocken! Geht nicht? Das wäre ja gegen die journalistische Ethik? Verstehe, wenn es nur um irgend so eine Flugzeugkatastrophe und heulende Angehörige geht, dann kann man auf moralische Erwägungen auch ruhig pfeifen. Wenn's aber um wirklich Wichtiges geht, internationale Politik und so, dann muß man bei seinen Überzeugungen bleiben! Die nennt man dann "Qualität".
Heuchler.
So nennt man so jemanden nun mal, da kann man nichts machen, selbst wenn die Journalistenhaut durch all die heftigen Beschimpfungen schon dünn geworden ist.

Na gut, überspringen wir lieber den Textteil, in dem über die gemeiner Weise vom Publikum so geschätzten Satireformate gejammert wird und auch das Problem mit der "Fünften Gewalt", der sich online äußernden Öffentlichkeit. Nur der Schluß ist interessant:
"Deshalb ist es an der Zeit, dafür zu sorgen, dass alle Akteure der fünften Gewalt im öffentlichen Diskurs ihr Gesicht zeigen. Auf Facebook ist das sowieso schon der Fall, auf Twitter nutzen viele ihren bürgerlichen Namen, aber auf Plattformen wie YouTube und in den Kommentarspalten der Onlinemedien streifen sich fast alle Akteure der fünften Gewalt eine Tarnkappe über. Warum muss das so bleiben?"
Naja, das Thema "Anonymität im Netz" wurde ja schon in der Vergangenheit ausgiebig diskutiert und die Antworten auf diese Frage sind immer noch die selben - einfach mal googlen!

Fazit ist nun: Journalisten der Zeit loben sich erst mal ein bisschen, streuen dann etwas Pseudo-Selbstkritik ein, ärgern sich erst über den dummen Leser, der seinen qualitativ hochwertigen Journalismus wegen Fehlern in der Vergangenheit nicht erkennt und dann über den dummen Leser, der sich über den minderwertigen Journalismus beschwert, den man ihm gibt, weil man's muß, dann über den dummen Leser bzw. Zuschauer, der seine Aufmerksamkeit lieber Satiresendungen als Topjournalismus schenkt. Und zum Schluß fällt ihnen als Antwort auf die Eingangsfrage
"Wohin führt der Vertrauensverlust? Und: Was kann man dagegen tun?"
ganz im Ernst nichts anderes ein, als die Abschaffung der Anonymität im Internet zu fordern?
Da muß ich meine Beschimpfung von vorhin doch noch ein bisschen differenzieren:
Heuchler und Schwachköpfe!

Mittwoch, 17. Juni 2015

Schrottpresse

Mal in die Zeitung zu kommen ist gar nicht so einfach. Wenn's sicher klappen soll, muß man schon Papst sein (ist aber nur was für die Generation 70+), einen Massenmord begehen (tut man's privat, gilt es aber als sozialunverträglich, tut man's im Regierungsauftrag, als geheim) oder einen Nobelpreis bekommen (ist aber nur was für Begabte). Hat man nur zwei linke Hände anzubieten, wird eine Schlagzeile richtig teuer - man müßte schon einen Ferrari zu Schrott fahren. Dann klappt's aber sicher:










(Reihe abgebrochen)

Und was lernt man aus der "Ferrari zu Schrott"-Berichterstattung? In Deutschland wird im Schnitt alle 101 Tage ein Ferrari zu Schrott gefahren - und zwar ausschliesslich von Männern! Aber Letzteres ist ja auch kein Wunder. Wer würde schon eine Frau ans Steuer eines Ferrari lassen? Am Ende fährt sie doch nur Schrammen in den Lack...

Freitag, 5. Juni 2015

Lügen aus heiterem Himmel

Irgendwie bekam ich in den letzten Tagen den Eindruck, Satellitenbilder könnten ganz schön mißverstanden sein, bei den selbsterklärten Investigativjournalisten von Bellingcat, bei den übrigen Journalisten sowieso, und überhaupt. Es scheint, als stellten sich diese Leute ein Satellitenbild vor wie ein Bild aus dem Fotoapparat. Das ist es aber nicht. Daher, einfach mal so, ein paar Hinweise zu den Unterschieden und was die mit Bildmanipulation zu tun haben - mit praktischen Übungen zum nachmachen!

Zuerst mal, einfacher aber sehr wichtiger Unterschied zwischen Satellitenbildern und den Fotos aus dem heimischen Fotoapparat ist: Satellitenbilder sind groß, sehr groß sogar. Für den von Digital Globe, einem Betreiber von kommerziellen Erdbeobachtungssatelliten, unterhaltenen Satelliten World View 2, einer beliebten Quelle öffentlicher Aufnahmen, ist die angegebene kleinste angebotene Aufnahmeeinheit ein Bild mit einer Kantenlänge von 16.4 km × 16.4 km - bei einer Auflösung von 40 cm pro Bildpunkt. Auch im Default-Angebot sind Aufnahmen der Abmessung 16.4 km × 360 km und 112 km × 136 km.  Solche Bilder sind wirklich riesig! Das hat ja auch gute Gründe, einer der Vorteile von Satellitenaufklärung ist ja gerade die Fähigkeit, große Gebiete auf einmal zu beobachten. Allerdings bedeutet das auch, daß man ein komplettes Satellitenbild, so wie es geliefert wird, gar nicht wiedergeben kann. Man müsste schon eine große Fototapete daraus drucken und mit der Lupe suchen gehen. Wann immer man also ein Satellitenbild hoher Auflösung gezeigt bekommt, sieht man nie das ganze Bild, unvermeidlich muß derjenige, der das Bild präsentiert, vorher einen kleinen Bildausschnitt auswählen. Das Konzept, das ganze Bild zu sehen, wie bei einem normalen Foto, macht bei hochauflösenden Satellitenbildern allein schon aufgrund der schieren Größe keinen Sinn. Die Regel ist also einfach:
Wann immer man ein hochaufgelöstes Satellitenbild gezeigt bekommt, sieht man immer nur einen kleinen Ausschnitt. Die Forderung, das ganze Bild sehen so wollen, ist nicht umsetzbar.
Das sollte man im Hinterkopf behalten, gerade wenn das Bild dazu dient, eine politische Botschaft zu untermauern. Denn man kennt ja von Alltagsfotos den Effekt, durch geschickte Auswahl eines Bildbereichs einen ganz anderen Eindruck zu vermitteln, als ihn das vollständige Bild vermittelt. Wahrscheinlich müsste man nur mal beim Bildblog im Archiv suchen, um Beispiele dafür aus den Medien zu finden. Bei Satellitenbildern kann die Wahl des Bildausschnitts natürlich ebenfalls ganz harmlos sein oder zur Manipulation des Betrachters dienen. Dazu ein kleines Beispiel aus freier Wildbahn:

Am 10. April 2014 stellte die NATO der Presse Satellitenbilder vor, die einen Aufmarsch russischer Truppen an der Grenze zur Ukraine belegen sollten. Darunter war auch dieses Bild einer russischen Luftwaffenbasis am Asowschen Meer:
Man sieht einen Bildausschnitt mit einer Reihe von 8 Kampfflugzeugen auf dem Flugfeld und ein paar Hubschrauber, mehr weiß der Betrachter nicht. Um das Bild einzuordnen kann man auch auf Google Earth nachgucken. Dort gibt es Bilder vom 28. August 2007, dem 15. August 2013 und dem 30. September 2014. Hier ist ein kleiner Überblick über das gesamte Flugfeld zu den drei Daten:
Offenbar stehen auf diesem Stützpunkt immer viele Flugzeuge in einer Reihe, selbst vor dem Ausbruch der Krise in der Ukraine. Tatsächlich kann man also anhand des kleinen von der NATO präsentierten Ausschnitts gar nicht beurteilen, ob im März 2014 dort mehr Flugzeuge als üblich stationiert waren oder vielleicht sogar weniger. Über einen Aufmarsch russischer Truppen sagt der präsentierte Bildausschnitt rein gar nichts aus. Durch den gewählten kleinen Ausschnitt, die fehlende zeitliche Einordnung des Inhalts und den Kontext, in dem das Bild präsentiert wurde - Aufmarsch russischer Truppen - wird beim Betrachter aber der Eindruck einer militärischen Bedrohung erzeugt.

Der zweite wichtigen Punkt: die ursprünglichen Satellitenbilder sind nicht nur sehr viel größer als die gezeigten Ausschnitte, sie sind auch sehr viel detailreicher. Die öffentlich gemachten Ausschnitte sind üblicherweise verlustbehaftete jpeg-Dateien mit 8 bit an Information pro Farbkanal (d.h. die bieten 28 = 256 Helligkeitsstufen pro Farbkanal). Die Originalbilder sind in einem verlustfreien Format abgespeichert und haben für kommerzielle Satelliten typischerweise 11 bit pro Farbkanal (d.h. 211 = 2048 Helligkeitsstufen). Das spielt eine Rolle, wenn man ein Bild manipulieren will: Man würde die Manipulation niemals im jpeg-Bild aus der Präsentation durch führen, sondern immer im Originalmaterial. In diesem Fall erhält man sehr viel bessere Ergebnisse. Nahliegender Weise gibt es dazu kein Beispiel aus der freien Wildbahn zur Illustration, man bekommt ja immer nur die jpeg-Bilder zu sehen. Wir müssen uns schon ein Beispiel selber bauen. Ich hab' da mal was vorbereitet…

Zuerst brauchen wir ein Satellitenbild, so wie es der Nutzer direkt vom Satellitenbetreiber geliefert bekommt. Ich habe mal ein Bild von New York (was sonst?) genommen, aufgenommen am 22. März 2005 vom kommerziellen Erdbeobachtunssatelliten Orbview-3 (Details gibt's hier). Das Bild ist vollständig und, obwohl keiner als World View 2-Bilder, immer noch riesig: Es hat eine Abmessung von 8336 × 26739 Pixeln mit 11 Bits pro Pixel und nimmt 425MB auf der Platte weg. Der Einfachheit halber nehme ich mal ein Schwarzweiss-Bild (genauer, ein "panchromatisches" Bild), die Auflösung ist 1m pro Pixel. Nur die grundlegenden Kalibrationsschritte wurden vom Anbieter durchgeführt (d.h. genau gesagt, das Bild ist in der Kalibrationsstufe "1Gst").
Wie gesagt, kann ich das Bild einfach nicht in seiner ganzen Pracht zeigen, dafür ist es zu groß. Ich habe mal ein stark komprimiertes jpeg daraus gemacht und die Helligkeitsstufen auf sie Schnelle von 11 auf 8 Bit skaliert, nur um einen groben Eindruck zu vermitteln:
Man sieht den Hudson River oben, den East River unten und den Central Park vage als Rechteck im Zentrum. Um das Bild schöner aussehen zu lassen, hätte ich mir sehr viel mehr Mühe beim Editieren geben müssen. Das ist aber gar nicht nötig, denn uns interessiert ohnehin nur ein kleiner Ausschnitt unten an der Mündung des East River. Dort erkennt man im Bild deutlich, wie gerade ein russisches Schnellboot irakische Massenvernichtungswaffen an in Manhattan untergetauchte ostukrainische Separatisten liefern will, hier, wir zoomen mal rein:
Das Schnellboot sieht man noch nicht, aber Moment, es müsste gleich unten ins Bild kommen! Da ist es:
Wobei, vielleicht habe ich das Boot ja gar nicht ins zweite Bild hinzugefügt, sondern aus dem ersten Bild entfernt? Wer kann das schon sagen? Anhand der Bilder wird man das nicht feststellen können. Denn ich habe die Manipulation gar nicht am hier gezeigten jpeg-Bild durchgeführt, sondern am Originalbild. Dort habe ich die Helligkeitswerte Pixel für Pixel liebevoll per Hand einzeln nachjustiert, bis das Boot samt Kielwasser da war. Erst dann habe ich den Ausschnitt gewählt, die Helligkeitsskala und die Auflösung angepasst und die jpeg-Komprimierung durchgeführt. Man wird ein keinem der beiden gezeigten Bilder Anzeichen einer Manipulation finden, weil es schlicht keine Manipulation in den Bildern gibt. Die fand ausschließlich auf einer früheren, tiefer liegenden Ebene statt.
Natürlich ist das nur eine kleine Änderung am Bild, aber mehr ist auch nicht nötig, wenn man in Bildern wie diesen
einen Raketenwerfer auf einem Kasernenhof verschwinden oder auftauchen lassen will. Hat man Zugriff auf die Originaldaten des Satelliten, dann sind Manipulationen am Bild möglich, dagegen ist die Vorstellung, ein rechteckiges Bildstückchen sei mit Photoshop ersetzt worden… Buhahaha - Heuer doch bei Bellingcat an!

Daher halte ich Satellitenbilder dieser Art grundsätzlich für ein ganz schlechtes Beweismittel. Und die Suche nach Anzeichen einer Manipulation im jpeg-Bild aus einer Präsentation wie sie Bellingcat versucht hat, grundsätzlich für aussichtslos. Auf diese Weise kann man vielleicht die ein oder andere Photoshop-Manipulation durch einen gelangweilten Amateur aufdecken. Von einer Manipulation der Ausgangsdaten durch Geheimdienste oder Militär wird man aber keine Spuren entdecken.
Besser finde ich daher, Bildeigenschaften im Blick zu haben, die sich kaum manipulieren lassen. Die Perspektive des Bildes etwa. Wollte man die nachträglich ändern, man müsste Dinge, die gar nicht im Bild sind (verdeckte Hausseiten etwa) sichtbar machen. Oder den Schattenwurf, den im ganzen Bild zu ändern dürfte bei einem strukturreichen Bild auch kaum machbar sein. Aber was man mit der Perspektive und Schattenwürfen anfangen kann, hatte ich ja schon an anderer Stelle vorgeführt...

Dienstag, 2. Juni 2015

Gefakte Katzenbilder

Wo ich ohnehin zu spät dran bin, wollte ich eigentlich mal nichts zu der Bellingcat-Analyse der Satellitenbilder aus der Ukraine sagen. Aber wenn jetzt alle darüber zu reden scheinen, gebe ich doch noch meinen Senf dazu. Denn ein Aspekt kommt mir in der Diskussion etwas zu kurz.

Es stimmt schon was andere ausführlich angemerkt haben, die vorgelegte Analyse ist ein peinlicher Haufen dilettantischen Mists. Drei Argumente hatte Bellingcat angeführt, um zu belegen, daß die vom russischen Verteidigungsministerium vorgelegten Satellitenbilder gefälscht seien:

  1. Den Metadaten der veröffentlichten jpeg-Bilder ist zu entnehmen, daß die Bilder mit Photoshop bearbeitet wurden. Offenbar stellt man sich bei Bellingcat Satellitendaten so ähnlich vor wie Bilder aus dem heimischen Handy: Man hat halt eine Aufnahme, im Fotoformat und als jpeg, die man unbearbeitet veröffentlichen kann. Daß die Rohdaten gar nicht unbearbeitet veröffentlichen kann, scheint ihnen nicht in den Sinn gekommen zu sein. Eine Bearbeitung mit Photoshop sagt im Hinblick auf eine inhaltliche Manipulation des Bildes gar nichts aus. 
  2. Eine Fehlerstufenanalyse würde eine inhaltliche Manipulation der Bilder nahelegen. Daß diese Analyse von Bellingcat mit einer beachtlichen Ahnungslosigkeit und völlig dilettantisch durchgeführt wurde, haben andere schon gut gelegt.
  3. Ein Vergleich mit Google-Earth Bildern würde beweisen, daß die veröffentlichten Bilder nicht von den angegebenen Daten stammen können. Dieser letzte Punkt verdient noch eine genauere Betrachtung.
Tatsächlich offenbart sich in den Datierungsversuchen die gleiche Ahnungslosigkeit und mangende Seriosität wie in den anderen beiden Punkten. Oft basiert die zeitliche Einordnung auf einem Vergleich von Kontrasten und Farben in verschiedenen Bildern. Ein solcher Vergleich ist schlicht unzulässig. Nehmen wir mal als Beispiel diesen Bildvergleich aus dem Bellingcat-Report:
Das Bild soll zeigen, wie Strukturen verschwinden und von Vegetation bedeckt werden. Allerdings lassen sich Effekte wie eine Farbänderung von Braun nach grün und das Verschwinden von Kontrasten auch alleine durch Bildbearbeitungseffekte bei Google Earth-Aufnahmen finden. Auf die Schnelle habe ich mal ein kleines Beispiel rausgesucht, Google Earth-Bilder des ukrainischen Dorfes Krasnivka, einmal vom 17. Mai 2014 drei Tage später, vom 20. Mai 2015:
Offensichtlich wird die Aufnahme vom 20. Mai in einer anderen Farbskala dargestellt als die vom 17. Mai (die Aufnahme ist nicht dunkler, weil die am Abend aufgenommen worden wäre. Am Schattenwurf erkennt man, daß beide Aufnahmen vom späten Vormittag stammen.) Und man erkennt deutlich, wie blassgrüne Flächen vom 17. Mai am 20. Mai braun erscheinen (Drei Beispielflächen sind mit A, B und C markiert). Gleichzeitig sind die Strukturen auf den Feldern weniger deutlich geworden. Dieser Effekt hat nichts mit einer Bearbeitung der Felder zu tun, man erkennt ihn an allen blassgrünen Flächen in den beiden Satellitenaufnahmen. Ein detaillierter Blick macht das sehr deutlich:
Überall im Bild ist blaßgrün zu braun geworden. Wäre es umgekehrt, hätte man sofort interpretiert, klar, in den drei Tagen ist frisches Grün gesprießt. Und alle hätten genickt. Aber so? Wenn es in dieser Gegend nicht den Brauch gibt, zwischen dem 17. und 20. Mai alle blassgrünen Flächen, die man finden kann, umzugraben, dann ist dieses eine Folge des Wechsels in der Farbskala zwischen beiden Aufnahmen. Mitunter ändern sich dadurch sogar die relativen Helligkeiten benachbarter Flächen. Im mit "C" in der Bildmitte markierten Bereich sieht man am 17. Mai eine dunkelgrüne Fläche nehmen einer Hellgrünen, am 20. Mai ist daraus eine hellgrüne neben einer braunen beworfen. Dunkel - hell wurde zu einem hell-dunkel-Verhältnis. Beim "C" im unteren Bildbereich ist vom 17. zum 20. Mai durch den Farbwechsel Kontrast zwischen Flächen verloren gegangen. 
Es liegt an solchen Änderungen der Farbskala, daß alle Vergleiche von Farben, Helligkeiten und Kontrasten im Belligcat-Report fragwürdig sind - und damit die daraus abgeleiteten zeitlichen Einordnungen. Ein einziger Punkt bleibt allerdings doch noch:
Wie der Report bemerkt, sieht man in Bild 3 oben links einen Wald- bzw. Baumstreifen mit einer Schneise darin. Und diesen Waldstreifen erkennt man in der Tat auch auf Google Earth-Bildern deutlich: In Aufnahmen vom 30. Mai 2014 ist der Steifen unversehrt, am 16.6. ist die Schneise zu erkennen, und am 2. Juli ist der Streifen komplett abgeholzt. Und in der angeblich vom 14. Juli stammenden Aufnahme aus der russischen Veröffentlichung taucht der Baumstreifen samt Schneise dann wieder auf. Unter all dem unzweifelhaften Murks und Blödsinn der Bellingcat-Analyse ist dies der einzige Kritikpunkt, der mir nicht von der Hand zu weisen erscheint. Und dieser Punkt ist ein Killer: Wenn eine Aufnahme falsch datiert wurde, glaube ich den übrigen auch nicht mehr.

Damit sind wir bei der letzten Frage angelangt: Warum wurde diese Aufnahme falsch datiert? Die Annahme dient nur der Referenz und der angebliche Raketenwerfer, auf den diese Aufnahme hinweist, steht dort andauernd. In Google Earth erkennt man ihn vom 28. April 2014 bis zum 2. Juni 2015 in allen Aufnahmen! Wäre das Bild 4 der russischen Präsentation, der Aufnahme vom Abschusstag von MH17, in der der Raketenwerfer fehlt, manipuliert, ich könnte es gut verstehen. Aber die Referenzaufnahme? Hier hätte das russischen Verteidigungsministerium ohne Einbussen in der Überzeugungskraft und ohne Gefahr einer Entlarvung auch eine richtig datierte Aufnahme nehmen können. Und dies ist der Punkt, an den ich bisher noch nach jeder Bellingcat-Veröffentlichung zur Ukraine gekommen bin: Wenn sie tatsächlich recht haben, dann handelt Russland immer irgendwie erstaunlich unlogisch, dumm und unnötig risikoreich…



Nachtrag (3.6.2015, 18:37):

Kommentator almasala hatte das interessante Problem aufgeworfen, daß die Datumsangaben von Google Earth mitunter sehr ungenau sein können - bis hin zu Monaten. Mit einer solchen Unsicherheit im Datum ist natürlich nahezu jeder Vergleich von Google Earth-Bildern mit Satellitenaufnahmen aus anderen Quellen sinnlos. Allerdings glaube ich nicht, daß im hiesigen Fall ein allzu großer Fehler in den Google Earth-Zeitangaben vorliegt.

Anhand der Aufnahmen der Militäreinrichtung aus Bild 3 der Präsentation lassen sich keine Abschätzungen der Genauigkeit der Google Earth-Daten machen. Allerdings liegt diese Anlage gerade mal 2,5 km vom Flughafen Donezk entfernt. Vom Flughafen bietet Google Earth Aufnahmen von den gleichen Daten wie von der Militäranlage und wahrscheinlich stammen diese Aufnahmen aus den gleichen Beobachtungsdaten. Für die Aufnahmen vom Flughafen kann man zumindest einen Basischeck der Aufnahmezeiten machen. Denn auf dem Vorfeld des Flughafens stehen Masten zur Beleuchtung. Diese Masten sind ziemlich hoch, ziemlich schmal, ziemlich gerade und haben eine klar erkennbare Spitze. Masten stehen üblicherweise senkrecht und das Feld eines Flughafens ist üblicherweise sehr flach und waagerecht. Auf dem Beton des Vorfeldes lassen sich Schatten sehr gut erkennen. Diese Beleuchtungsmasten sind einfach perfekt für eine Untersuchung des Schattenwurfs! Hier ein kleines Bild, welche Masten ich meine:

Zwei Dinge können wir für den Schatten bestimmen. Zunächst seine Orientierung, d.h. seinen Winkel relativ zur Nordrichtung entlang des Horizonts. Diesen Winkel messen wir konventionell von Norden (0 Grad) über Osten (90 Grad), Süden (180 Grad) und Westen (270 Grad) zurück nach Norden. Da der Schatten von der Sonne weg zeigt, kennen wir damit auch den Winkel, aus dem die Sonne scheint. Er ist einfach der Orientierungswinkel des Masts minus 180 Grad. Zur Illustration noch mal ein Bild:

Außerdem können wir noch die Länge des Schattens messen. Würden wir die Höhe der Masten kennen, wir könnten aus der Höhe und der Schattenlänge gleich die Höhe der Sonne über dem Horizont ausrechnen: Das Verhältnis von Höhe zu Schattenlänge ist der Tangens des Höhenwinkels der Sonne. Da die Sonne im Laufe des Jahres unterschiedliche tägliche Bahnen über den Himmel zieht, könnten wir jetzt eine Astronomiesoftware bemühen um nachzusehen, ob die Sonne am von Google Earth angegebenen Beobachtungsdatum tatsächlich durch den ermittelten Punkt am Himmel  (d.h. dem aus der Schattenrichtung ermittelten Positionswinkel der Sonne entlang des Horizonts und der aus der Schattenlänge ermittelten Sonnenhöhe über dem Horizont) gelaufen ist. Wenn ja, stammt das Bild vom angegebenen Tag, wenn nicht, dann nicht (Ok, plus/minus ein, zwei Tage vielleicht).

Dummerweise kennen wir die Höhe des Masts aber nicht, ein einzelnes Bild können wir somit nicht untersuchen. Aber wir können uns anderweitig behelfen. Wir können verschiedene Aufnahmen von verschiedenen Tagen vergleichen. Nehmen wir Google Earth-Aufnahmen des Flughafens von 5 verschiedenen angegebenen Daten, dem 30. Mai, dem 19. Juni, dem 2. Juli, dem 21. Juli und dem 24. Juli 2014. Für jedes dieser Daten bestimmen wir erst die Richtung des Schattens. Auf dem Vorfeld stehen vier gleiche Masten in einer Reihe, um ein besseres Ergebnis zu erhalten, machen wir die Messungen an allen vier Masten und nehmen dann den Mittelwert. Die Länge des Schattens bestimmen wir bei der Gelegenheit gleich mal mit. Hier sind die Ergebnisse, die ich bei meinem Versuch ermittelt habe:
30. Mai: Orientierung 339.5 Grad, Länge 15.8 m
19. Juni: Orientierung 338.0 Grad, Länge 14.9 m
2. Juli:  Orientierung 346.5 Grad, Länge 14.5 m
21. Juli: Orientierung 345.9 Grad, Länge 16.6 m
24. Juli: Orientierung 341.2 Grad, Länge 16.8 m
Ziehen wir von der Orientierung 180 Grad ab, dann haben wir den Positionswinkel der Sonne. Nun bemühen wir eine Astronomiesoftware. Damit ermitteln wir, wie hoch die Sonne an den von Google Earth angegebenen Beobachtungstagen am Flughafen Donezk über dem Horizont stand, als sie bei den ermittelten Positionswinkeln stand. Hier sind die Zahlenwerte:
30. Mai: Um 08:46 (UTC), 62.5 Grad
19. Juni: Um 08:49 (UTC), 64.0 Grad
2. Juli: Um 09:09 (UTC), 64.5 Grad
21. Juli: Um 09:07 (UTC), 61.8 Grad
24. Juli: Um 08:57 (UTC), 60.7 Grad
So. Nun rechnen wir einfach mal die Höhe des Masts aus den Werten für die Sonnenhöhen und Schattenlängen an den verschiedenen Tagen aus! Die Höhe ist einfach der Tangens der Sonnenhöhe mal der Schattenlänge. Ob dabei der richtige Wert herauskommt, wissen wir nicht. Wir kennen ja leider die tatsächliche Höhe des Masts nicht. Aber wir wissen etwas anderes: Wenn die von Google Earth angegebenen Aufnahmedaten der verwendeten fünf Satellitenbilder stimmen, dann muß für alle fünf Tage die selbe Höhe des Masts herauskommen! Und das können wir ja leicht sehen. Wir können also gewissermaßen die fünf Daten auf relative Konsistenz überprüfen. Hier sind die ermittelten Höhen:
30. Mai: 30.3 m
19. Juni: 30.4 m
2. Juli: 30.4 m
21. Juli: 31.1 m
24. Juli: 30.0 m
Passt doch eigentlich ganz gut! Das Ergebnis vom 21. Juli fällt ein klein wenig raus, aber im großen und ganzen passt's noch ordentlich.
Machen wir noch mal eine kleine Gegenprobe. Nehmen wir mal an, die Aufnahmedaten wären um genau einen Monat verschoben. Statt dem 30. Mai nehmen wir den 1. Juni an, statt dem 19. Juni den 19. Juli, und so weiter. Dann machen wir die selbe Berechnung noch einmal, nur mit den neuen Sonnenhöhen. Die sind in diesem Fall:
1. Juni: Um 08:54 (UTC), 63.9 Grad
19. Juli: Um 08:50 (UTC), 61.3 Grad
2. August: Um 09:05 (UTC), 59.0 Grad
21. August: Um 08:58 (UTC), 53.3 Grad
24. August: Um 08:44 (UTC), 51.7 Grad
Die berechneten Masthöhen sind mit diesen Sonnenhöhen bei den gegebenen Schattenlängen:
1. Juni: 32.2 m
19. Juli: 27.1 m
2. August: 24.1 m
21. August: 22.3 m
24. August: 21.3 m
In diesem Fall stimmen die Masthöhen für die verschiedenen Daten also gar nicht gut überein, es gibt eine deutliche systematische Abweichung.
Die von Google Earth angegebenen Daten für die fünf Bilder geben also übereinstimmende Ergebnisse und können daher durchaus korrekt sein. Eine Verschiebung aller Daten um einen Monat gibt inkonsistente Ergebnisse und kann daher ausgeschlossen werden. Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, daß man, verschiebt man alle fünf Daten unabhängig voneinander auf irgendwelche anderen Tage, nicht doch eine andere Kombination findet, die auch konsistente Ergebnisse liefert. Um ganz sicher zu sein, müsste man eine solche Übung mit Masten oder Türmen durchführen, deren tatsächliche Höhe man kennt. Das man allerdings Fehler in den fünf Google Earth-Daten hat, die sich zufälligerweise wegheben und zu konsistenten Masthöhen führen, das erscheint mir ziemlich unwahrscheinlich. Ich denke daher, daß die von Google angegebenen Aufnahmedaten, 30.5., 19.6., 2.7., 21.7. und 24.7.2014, für den Flughafen Donezk und auch den Militärstützpunkt in der Nähe sehr wahrscheinlich stimmen. Der Fehler sollte höchstens einige wenige Tage betragen.
Aber gut, dadurch wird der Bellingcat-Report auch kein Stück besser. War hier nur eine Spielerei für den Spaß…!