Donnerstag, 13. Juni 2013

Das weibliche und das männliche Defizit

Herrn Prof. Dr. Jack Nasher von der Munich Business School habe ich ja vor Kurzem schon mal erwähnt, als ich mir Sorgen gemacht habe, ob diese Business-Fuzzis womöglich wirklich so doof sind, wie sie daher kommen. In seiner aktuellen Focus Online-Kolumne ("Für FOCUS Online berichtet er selbst über seine Erkenntnisse") war Prof. Nasher so freundlich, diese Frage endlich zu beantworten. Unter dem Titel Das weibliche Defizit - Frauen bekommen weniger Gehalt - und sind oft selbst schuld  stellt er fest:
"Wenn eine 22-jährige Berufsanfängerin ein Jobangebot in Höhe von 25 000 Euro annimmt, ein gleichaltriger Mann es aber auf 30 000 Euro hochhandelt und beide bis zu ihrem 65. Lebensjahr arbeiten, dann hat der Mann in diesem Zeitraum, bei einer Lohnsteigerung um jährlich 3 Prozent, insgesamt 360 000 Euro mehr verdient, wenn er es auch noch mit 3 Prozent Zinsen angelegt hat, hat er 568 000 Euro mehr auf dem Konto."
Jetzt wollen wir mal die Dinge, die der wirtschaftswissenschaftlich Ungebildete ohnehin nicht versteht, beiseitelassen. Also z.B., wieso die 3% Lohnzuwachs pro Jahr nicht zum großen Teil von steigenden Lebenshaltungskosten gleich wieder aufgefressen werden und damit zwar die Zahlen anwachsen, nicht aber die tatsächliche Kaufkraft. All diese Dinge, die den Eindruck erwecken, hier ginge es bloß darum, mit ein paar großen Zahlen Leser zu beeindrucken, die dabei aber wirklich gar nichts mit der Realität zu tun haben - all das wollen wir mal außer Acht lassen. Dann bleibt immer noch die Frage: Wieso eigentlich 360 000 Euro mehr?

Die Dame etwa fängt mit 25 000 Euro im Jahr an. Sie bekommt jedes Jahr 3% mehr im Vergleich zum Vorjahr, und das geht vom 22. bis zum 65. Lebensjahr so, als insgesamt 43 Jahre lang. Im ersten Berufsjahr bekommt sie also 25 000 €, im zweiten 25 000 €・1,03, im dritten (25 000 €・1,03)・1,03 und so weiter und so fort. Da gibt es eine Regelmäßigkeit: im i-ten Berufsjahr bekommt sie 25 000 €・(1,03)i-1. Den gesamten Verdienst im Leben erhält man durch Aufsummieren von i = 1 bis 43. Praktischerweise kann man den in allen Summanden konstanten Wert 25 000 € rausziehen und bekommt das Gesamteinkommen als 25 000 €・∑i=143 (1,03)i-1. Für den Mann im Beispiel muß man nur die 25 000 € durch 30 000 € ersetzen. Und der Unterschied im Lebenseinkommen ist dann die Differenz zwischen dem Ergebnis für den Mann und der Frau. Das sind 5000 €・∑i=143 (1,03)i-1. Die Summe kann man sich einmal ausrechnen (lassen), sie ist etwa 85,484. Und 85,484 mal 5000 € sind nicht 360 000 €, sondern 427 000 €. Und wenn er die Differenz sein Leben lang zu 3% Zinsen anlegen, gibt's für den Mann nicht nur 568 000 € mehr, sondern immerhin über 700 000 €.

Herr Nasher fast seine Erkenntnisse am Ende der Kolumne zusammen mit: "Handeln zahlt sich aus!". Wer weiß, vielleicht schon in ein paar Jahren, falls Herr Nasher weiter forscht und es ihm gelingen sollte, eine studentische Hilfskraft von einer richtigen, steuerfinanzierten Uni abzuwerben, kann er uns bei Focus Online von einer weiteren, neuen Erkenntnis berichten: "Handeln und dabei auch noch rechnen können, zahlt sich noch mehr aus!"


(Nachtrag (17.6.): Der Autor hat sich die Kommentare mal zu Herzen genommen und die Zeugnisse seines eigenen Unvermögens aus diesem Post getilgt...)

Mittwoch, 12. Juni 2013

Sonntag, 9. Juni 2013

Flexibles Einnorden

Die SPD-Generalsekretärin und überzeugte Katholikin Andrea Nahles besuchte gestern den von der Deutschen Bischofskonferenz ausgerichteten "Eucharistischen Kongress" in Köln. Die SPD? - Arbeiterbewegung? - Internationale? - Es rettet uns kein höh'res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun? Ach was - war gestern (Nee - Vorgestern!).  Vor gar nicht so langer Zeit gefielen sich SPD-Spitzenpolitiker wie Helmut Schmidt noch darin, mit Philosophen wie Karl Popper zu kokettieren. Und der war, wenn schon sonst nicht viel, so doch zumindest erfrischend religionsfern. Heute pilgern SPD-Spitzenpolitikerinnen zu "Eucharistischen Kongressen".  Beim Bündnis 90/Die Grünen sitzen Spitzenvertreterinnen gleich in der Synode der Evangelischen Kirche, Bundestags(vize)präsidenten der SPD fantasieren öffentlich was vom Untergang des Staates ohne die Religion und der Bundespräsident ist praktischerweise gleich ein Pfaffe. Das dümmliche Kokettieren mit Religion wird allmählich in einer beunruhigenden Breite gesellschaftsfähig. Und dümmlich ist es allenthalben. Die brave Gläubische Nahles z.B. gab dem Kölner Bistumsradio domradio.de gleich auch ein braves Interview. Dabei stellte sie auch fest:
"Jesus ist für mich jemand, der mir dann ein Kompass ist."
Mit diesem mutigen Bekenntnis steht Frau Nahles leider nicht mal alleine da, das Bild von Jesus als "Kompass", der Religion als "Kompass", wird von religionsumwölkten Geistern zum Kotzen oft bemüht (nur ein paar Beispiele: [1][2][3]). Dabei ist Religion vielleicht so einiges. Was Religion, Jesus oder wer auch immer aber keinesfalls, nicht mal ein klitzekleines naives Bisschen ist, daß ist sowas wie ein "Kompass".

Denn in welche Richtung weist denn Jesus Frau Nahles? In der Bergpredigt sagt Jesus etwa mit Blick auf das, was jetzt "Altes Testament" heißt:
"Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich." (Mt 5, 17-19)
Trotzdem glaubt kein Christ, er müsse sich wie im Gesetz vorgeschrieben beschneiden lassen und dürfe kein Lamm in Sahnesoße essen. Das mit dem kleinsten Buchstaben des Gesetzes wird Jesus schon nicht so genau gemeint haben!
Außer natürlich, es geht um Schwule. Denn daß Jesus selbst kein Wort über Homosexualität verloren hat, kann nur heißen, daß das alttestamentarische Verbot desselben noch immer voll in Kraft ist. So sehen es zumindest die Christen, die Homosexualität ekelhaft finden. Die übrigen Christen sind eher der Meinung, Jesu Schweigen zu diesem Punkt bedeute Zustimmung. Ja, Jesus sagte gar:
"Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht - um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es." (Mt 19, 12)
Was kann das schon heißen, wenn nicht, daß Jesus kein Problem mit Schwulen hat?
Den christlichen Gegnern der Homosexualität geht es natürlich auch noch um den Schutz der Familie. Dabei war Jesus selbst nicht gerade ein Familienmensch:
"Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig." (Mt 10, 35-37)
Da könnte man als Christ doch genauso gut für die Zerstörung der Familie kämpfen statt für ihren Schutz?
Weist uns Jesus zum Frieden an, wenn er sagt
"Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden." (Mt 5, 9)
oder doch nicht, wenn er sagt
"Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert." (Mt 10, 34)
Also spricht der Herr zu seinen Jüngern:
"Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch." (Lk 9, 50)
bzw. auch
"Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich" (Lk 11, 23)
Äh. Ähhhh... Dafaq?
Und das ist gerade der Unterschied zum Kompass. Die Besonderheit eines Kompass' besteht darin, immer in dieselbe Richtung zu weisen, egal, in welche Richtung der Betrachter gerade blickt. Der religiöse "Kompass" dagegen, egal in welcher Form, weist zuverlässig in die Richtung, in die der Betrachter ohnehin gerade blickt. Und wenn eine Andrea Nahles behauptet, Jesus sei ihr "Kompass", dann weist ihr nur das eigene Bauchgefühl die Richtung. Allerdings werden die eigenen Befindlichkeiten enorm aufgewertet, wenn man statt "Ich finde, daß..." besser "Gott will, daß..." sagt...

Schade, zu Zeiten August Bebels, Karl Kautskys und Eduard Bernsteins hatte die SPD die Funktion von Religion schon mal deutlich klarer gesehen als zu Zeiten einer Andrea Nahles.

Samstag, 1. Juni 2013

I'm just a teenage dirtbag baby

Ich hab's ja gar nicht so mit der Mülltrennung. Diese latent neurotische Beschäftigung mit den eigenen Abfallprodukten gibt mir immer das Gefühl, ein kleiner Idiot zu sein (Und das Gefühl ist schlimmer, als tatsächlich einer zu sein!). Zumal der Hauptzweck eh' nur darin liegt, denn Heizwert des Abfalls für die Müllverbrennungsanlage und damit den Profit des Abfallunternehmens zu erhöhen. Aber wahrscheinlich seh' ich das alles nur nicht ganzheitlich genug. Wenn irgendwo auf diesem Planeten irgendwer davon profitiert, dann profitiert irgendwie ja auch der ganze Planet. Und mir gibt es immerhin das gelegentliche Gefühl von wahrem Punk, wenn ich auf alle Konventionen dieses Drecksystems scheiße und meine gebrauchten Teebeutel in den Plastikmüll werfe! Ich wette, sowas trauen sich nicht mal die Wutbürger aus dem Stuttgarter Bahnhofsviertel...

Aber ich schweife ab. Vielleicht ist es ja gar nicht schlecht, wenn bereits die Kinder an die Ideen des Recyclings und der Mülltrennung herangeführt werden. Ganz großartig geht es mit dieser fantastischen, wirklich riesigen Hüpfburg auf einem spanischen Straßenfest!


Die Kleinen können hinaufklettern und sich dann aussuchen, über welche der vielen Rampen sie wieder hinabkullern wollen: die Biomüllrampe oder die Restmüllrampe oder doch lieber die Sondermüllrampe? Ein großes Lob an jene, die sich diese tolle Idee haben einfallen lassen! Zum einen lernen die Kleinen so etwas über die Rettung des Planeten. Und zum anderen werden sie so schon früh an die Auswahl von Zukunftsoptionen herangeführt, die das Leben für spanische Jugendliche bereit hält!

Freitag, 31. Mai 2013

Weisheit des Tages (2)

"Ohne tief greifende Reformen bleibt alles beim Alten."
Laut Zeit Online Überzeugung des 
Filmproduzenten Gerhard Schmidt
(Mit Dank an gnaddrig!)

Dienstag, 28. Mai 2013

Mit Kompetenz over the Jordan walken

Ich mache mir Sorgen, Sorgen um die deutsche Wirtschaft. Gut, die brummt zwar gerade aber sowas von - zumindest solange die Roten keinen Mindestlohn durchsetzen. Aber auch ohne Mindestlohn mache ich  mir Sorgen um die Zukunft. Angefangen hat es mit Prof. Dr. Jack Nasher. Der unterrichtet an der Munich Business School "Leadership and Organizational Behavior", was erheblich sexier klingt als das klassisch deutsche "Führertum und Sklavenhaltung" an der "Münchener Geschäftsschule". Und Prof. Nasher darf bei Focus Online eine Kolumne vollschreiben. Und darin findet man dann Weisheiten wie diese:
Angenommen, sie wollen als Kunde in einer Verkaufsverhandlung den Preis drücken. Dann zeigen sie dem Anbieter besser nur die günstigsten Angebote, die seine Konkurrenz ihnen gemacht hat, nicht die teuersten.

Hammer, wa? Jaja, mit sowas kann man bei Focus Online Kolumnen füllen! Fast noch besser fand ich Herrn Nashers Hinweis, am besten würde man eine Dienstleistung ja erst bezahlen, nachdem sie zur Zufriedenheit ausgeführt wurde!

Nun war ich ja bisher zur Annahme bereit, Professor Nasher sei jung und brauche das Geld, und nur deshalb sei es ihm nicht peinlich, wirtschaftswissenschaftliche Einsichten auf dem intellektuellen Niveau eines Chris de Burgh-Songs aus den Achtzigern rauszuhauen. Heute aber habe ich eine Pressemitteilung der European School for Management and Technology (ESMT) in Berlin gesehen. Und die haben in einer offenbar irre komplizierten Studie Menschen vor dem CL-Finale Dortmund - Bayern über den Ausgang spekulieren lassen. Und siehe da, die Vorhersagen der Befragten sind nach statistischer Analyse mit dem tatsächlichen Ausgang 1:2 verträglich. Und das heißt laut der ESMT, die "Schwarmintelligenz" hat den Ausgang der CL richtig vorhergesagt!
Nun glaube ich ja nicht einmal, daß sowas wie "Schwarmintelligenz" überhaupt existiert. Bestenfalls trösten sich Menschen, die doof wie Torf sind, mit der Vorstellung, wenigstens in der Masse könne ihnen ein Licht aufgehen. Die Fortexistenz der FDP ist der traurige Beweis, daß dem nicht so ist. Viel schlimmer ist aber noch was anderes. Jemand, der die Vorhersage "Dortmund - Bayern, das könnte 1:2 ausgehen" für eine Manifestation von Intelligenz hält, der hat offenbar so geringe Anforderungen an den Begriff Intelligenz, daß ihm ein Chris de Burgh-Song tatsächlich wie eine intellektuelle Offenbarung vorkommen muß!

Was also, wenn sich die ganzen Superduper-Business-Hyperschulen nicht nur dumm stellen, sondern wirklich die geistigen Tiefflieger und Dünnbrettbohrer sind, als die sie erscheinen? Und wenn der wirtschaftliche Möchtegern-Elitennachwuchs mit Wirtschaftsweisheiten großgezogen wird, die meine selige Oma auch ohne Geili-geil-Abschluß beim Verwalten der Haushaltskasse in der leeren Kaffeedose als selbstverständlich voraussetzte? Und sich der Nachwuchs am Ende dennoch für solch hoch qualifizierte Kompetenzbolzen hält, daß er glaubt, all seine Millionen auch wirklich zu verdienen?

Ein erschreckender Gedanke, so kann es einfach nicht sein, so darf es einfach nicht sein! Wir würden uns doch niemals von plumpem Gefasel ohne jede Substanz blenden lassen! Das wäre einfach zu idiotisch, um wahr zu sein. Immerhin sind diese klugen Leute ja von (irgendwie internationalen) Business Schools! Nein, diesen Gedanken schiebe ich doch wieder weit, weit weg.
Aber trotzdem, irgendwo in meinem Hinterkopf singt eine gräßliche Stimme die ganze Zeit beunruhigend Don't pay the ferryman / Don't even fix a price / Don't pay the ferryman / Until he gets you to the other side...

Sonntag, 26. Mai 2013

Pimp my Hohlphrase!

Das Rösler'sche Zitat beim letzten Mal und die Kommentare dazu haben mich ja inspiriert. Wie kann man denn in einfachen Schritten aus einer simplen analytischen Wahrheit, etwa "Wenn a, dann a"oder sowas, tolle und unbedingt richtige Statements aufbauen? Röslers Satz "Ob neue Technologien angenommen werden, hängt stark von der Akzeptanz ab." klingt zwar schon besser als "Ob neue Technologien angenommen werden, hängt davon ab, ob neue Technologien angenommen werden.". Aber so richtig prall ist der Satz nicht. Das muß doch noch besser gehen! Am besten, wir fangen ganz unten an, und gehen schrittweise und systematisch vor. Vielleicht finden wir ja ein Rezept wie wir den perfekten Text für eine Parteitagsrede, PR-Broschüre oder den Antrag für einen Sonderforschungsbereich "Interkulturelle Schafzucht in den urbanen Zentren Kaputtistans" zusammenbauen können!

Nehmen wir erst einmal einen simplen Satz her wie "Wenn a, dann a", "a weil a", "a ist a" und formen ihn nach und nach um, auf daß er komplizierter aussehe, seine Gültigkeit dabei aber nicht verliere. Bleiben wir bei Rösters Beispiel, das im Kern ja lautet:
Ob neue Technologien angenommen werden, hängt davon ab, ob neue Technologien angenommen werden.
Der erste Schritt liegt nun auf der Hand:
Synonymisierung. Um den Satz nicht ganz so dämlich aussehen zu lassen und dennoch sicher zu gehen, daß er wahr bleibt, ersetzt man doppelt auftretende Begriffe durch Synomyme (hier darf man natürlich grundsätzlich gerne auch von sprachlicher Unschärfe profitieren):
Ob neue Technologien angenommen werden, hängt davon ab, ob neue Technologien akzeptiert werden.
Der zweite Schritt ist auch klar:
Substantivierung. Profisprech braucht immer Substantivierungen! "akzeptieren", "entwickeln" - Verben sind was für grünteetrinkende Schlaffies! Echte Macher knallen Substantive, hart wie ein Stahlträger, in den Raum: "die Akzeptanz", "das Entwickeln". Das klingt nach kernigem Typen, der Fakten schafft und Worte in Stein meisselt! Also:
Ob neue Technologien angenommen werden werden, hängt von der Akzeptanz für neue Technologien ab.
Und hier fällt schon Röslers erster Fehler auf. Er hat das zweite "neue Technologien" in diesem Satz einfach wegfallen lassen. Dabei hätte man hier auch noch mal ein Synonym einbauen können, um den Satz weiter zu pimpen! Aber weiter mit dem nächsten Schritt:
Aufpolstern. Ganz klar, ein Satz profitiert ordentlich von Worten, die einfach nur den Eindruck erwecken, mehr zu sagen, als wirkloch gesagt wird. Ideal sind "ziemlich", "weitgehend", "ein Stück weit", aber auch "etwas" oder, wie bei unserem Beispiel noch recht zurückhaltend angewandt, "stark".
Ob neue Technologien angenommen werden, hängt stark von der Akzeptanz ab.
Damit haben wir Röslers Statement. Ein Anfang - doch wir wollen besser werden! Welche Möglichkeiten bleiben uns noch, einen Satz ohne Verlust seiner Wahrheit aufzubrezeln? Naja:

Einführen der doppelten Verneinung. Da eine doppelte Verneinung sich wieder aufhebt, können wir sie nach belieben einfügen, etwa aus "Wenn a, dann a" ein Wenn a, dann nicht nicht-a" machen. Das alleine mag ein bisschen bringen. Aber ert in Kombination mit der Synonynisierung entwickelt diese Technik ihr volles Potential! Denn für nicht-a finden wir vielleicht mehr und schönere Synonyme als für a alleine.

Verengung. Hier kommt ein kleines Paradoxon zum tragen: Obwohl Aussagen mit großem Geltungsbereich wissenschaftlich eigentlich wertvoller sind - "alle Planeten kreisen auf Ellipsenbahnen" anstelle von "die Erde und der Mars kreisen auf Ellipsenbahnen" - so wirken Aussagen mit eingeschränktem Geltungsbereich doch irgendwie intelligenter, "expertischer", weniger beliebig. Eingeschränkte Aussagen wirken durchdachter, individualisierter. Zum Glück können wir allgemeingültige Aussagen nach belieben einschränken, ohne das sie ihre Gültigkeit verlieren! Denn wenn alle Schwäne weiß sind, dann sind auch alle Schwäne in Deutschland weiß. Allerdings brechen wir mit diesem Schritt dann sie Symmetrie: Von allen Schwänen kann man auf die Schwäne in Deutschland schließen, von den Schwänen in Deutschland aber nicht auf alle Schwäne. Wir können nach einer Einengung unseren Satz also nicht mehr "rückabwickeln" und zur einfachen Trivialversion zurückkehren.

Personalisieren. Oftmals, insbesondere bei politischen Reden, schadet es nicht, einzelne gesellschaftliche Gruppen besonders hervorzuheben. Dies ist quasi eine Spezialversion der Verengung: Man schränke den Satz ein auf z.B. "die Menschen in diesem Land", "die Verbraucher", oder wen auch immer.

So, genug der Theorie. Nun wollen wir mal all die genannten Schritte benutzen, um uns eine eigene kleine Parteitagsrede zu basteln!

Setzten wir erst einmal die Schwerpunkte unserer Rede:
Um Lösungen zu finden, muß man Lösungen finden. Verantwortung zu tragen bedeutet, Verantwortung zu tragen. Wer erfolgreich ist, der ist erfolgreich.

Wer wollte da widersprechen? Und jetzt mal los:
Schritt 1: Doppelte Verneinungen einführen:
Um Lösungen zu finden, muß man nicht keine Lösungen finden. Verantwortung zu tragen bedeutet, Verantwortung zu tragen. Wer erfolgreich ist , der ist ist erfolgreich.

Schritt 2: Synomyme einführen:
Um Lösungen zu finden, muß man nicht Antworten schuldig bleiben. Verantwortung zu tragen bedeutet, den Anforderungen des Pflichtbewußtseins gerecht zu werden. Wer seine Ziele erreicht, dem gelingt sein politisches Vorhaben.

Schritt 3: Einengung/Personalisierung:
Um Lösungen auf die Probleme in diesem Land zu finden, dürfen wir nicht Antworten schuldig bleiben. Verantwortung zu tragen bedeutet, daß wir den Anforderungen des Pflichtbewußtseins gerecht werden. Wenn wir unsere Ziele erreichen, dann gelingt unser politisches Vorhaben.

Schritt 4: Substantivieren:
Um Lösungen auf die Probleme in diesem Land zu finden, dürfen wir nicht Antworten schuldig bleiben. Verantwortung zu tragen bedeutet, daß wir den Anforderungen des Pflichtbewußtseins gerecht werden. Das Erreichen unsere Ziele ist es, was das Gelingen unserer politischen Vorhaben ausmacht.

Schritt 5: Aufpolstern:
Um Lösungen auf die drängenden Probleme in diesem Land zu finden, dürfen gerade wir nicht Antworten schuldig bleiben. Verantwortung zu tragen bedeutet, daß wir den Anforderungen des Pflichtbewußtseins, seien es nun angenehmen oder unangenehme, gerecht werden. Das Erreichen unsere Ziele ist es, was das nachhaltige und substantielle Gelingen unserer politischen Vorhaben ausmacht.

Schritt 6: Polieren: Ein paar Konjunktionen einstreuseln, etwas Sprachpolitur drüber, und fertig ist die Laube:

Um Lösungen auf die drängenden Probleme in diesem Land zu finden, dürfen gerade wir nicht Antworten schuldig bleiben. Denn Verantwortung zu tragen, das bedeutet, das wir den Anforderungen, die das Pflichtbewußtsein an uns stellt, seinen es nun angenehme oder unangenehme, gerecht werden. Und nur das Erreichen unserer Ziele erlaubt das nachhaltige und substantielle Gelingen unserer politischen Vorhaben.

Na, das kommt doch so schon viel besser rüber als unser Ausgangstext! Wenn also gerade jetzt im Wahlkampf irgendwo eine Stelle als Redenschreiber frei ist - einfach per e-mail melden! Aber eines gleich vorweg: Dank Steinbrück weiß ich, was allein so ein kleiner Vortrag bei den Stadtwerken Bochum an Geld wert ist!